Versteht man das, was Friedrich Schiller in seinen Briefen „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ gemeint hat, dann ist man an dem Punkt, der entscheidet über das Schicksal der Menschheit, wie sie jetzt ist. (20. und 21. Brief)
Jeder hat dieses Geschenk ständig und in jedem wachen Augenblick in sich, jeder verfügt darüber, kaum einer kennt es, die Wenigsten nutzen es, für sich, für die Welt.
Vor jeder Entscheidung, und sei es auch die kleinste, gibt es einen Moment, gleichsam eine innere Waage, die zwei Teile enthält, ein Links und ein Rechts, ein Entweder-Oder.
Meistens jedoch sind wir gleichsam Automaten und handeln links oder rechts, nach einer festen Vorstellung, einem Prinzip. einer Norm, also unfrei. Oder nach einer Lust, einer Bequemlichkeit, einem Trieb, einer Feigheit, also wiederum unfrei.
In beiden Fällen handeln wir zugleich gegen uns wie gegen das Wohl der Welt und der Menschheit. Denn die Welt als Ganzes und in ihr die gesamte Menschheit, also alle, die mit uns sind, alle Brüder und Schwestern, sollen und wollen sich entwickeln.
Nicht eine endgültige Form, nicht ein wahlloses Chaos ist das Ziel des Weges, wie ihn die wahren Kulturen der Vergangenheit als Richtung zeigen, die uns doch noch tragen als die Mutter Erde, als Traditionen, als Bauten, Kleidungen, Nahrungen und Künste, in den Sprachen, in den sozialen Formen, in allem, in was wir ständig noch leben, heute meist ohne die notwendige Dankbarkeit für das, was wir nutzen und verschwenden.
Und wahrhaftig, das Ziel der Entwicklung blickt uns an in jedem Kind, das, neugeboren, uns in fragender Bestimmtheit anschaut!
Was aber ist das Ziel, was ist der Weg, wie finden wir beide in ständiger, suchender Sicherheit?
Wir finden, wir fänden es, in dem, was Schiller als Geschenk der Menschheit zu zeigen versucht: in dem Moment, der jeder, auch der mindesten Entscheidung, in jedem wachen Augenblick vorangeht!
Unfrei sind wir im Entweder-Oder. Frei und im Sinne der Menschheit sind und handeln wir erst im Dritten, in der Mitte, in dem, was unbekannt und unerwartet dann auftaucht, wenn wir die Waage halten, wenn wir Zeit gewinnen, und sei es die rettende Sekunde, bevor die Tür zuschlägt, wir dem Unglück entgehen oder in der das Glück uns winkt, das wir nicht erwartet haben.
Wir haben die Erfahrung oft gemacht, jedoch nicht wirklich wahrgenommen, haben gezögert, was uns einst das Leben rettete, wie wir den Menschen trafen, der uns weiterhalf oder wir ihm, oder gerade im Gegenteil, zu schnell oder zu langsam das ergriffen, was wir später zu bereuen hatten.
Eine Waage hat eine Mitte, das Zünglein, oder mit dem griechischen Wort, ein Hypomochlion, Dieses Zünglein ist haarfein, es könnte eine Nadelspitze sein, links ein Abgrund in der Kippe, rechts das Gleiche ohne Hoffnung des Ausgleichs.
Doch nur die Mitte birgt das Geheimnis der notwendigen Zeit, der Zeit, welche die Not wendet.
Wer es prüft, der erfährt es, hat es erfahren: in diesem Fünkchen und Pünktchen Zeit liegt das Dritte wie das Kindlein in der Wiege, zeitlos erwartend, Quelle der unendlichen Zeit.
Du siehst links, was die Vorstellung dir zeigt, angenehm oder nicht. Du fühlst rechts, was aus deinem Leib dir aufsteigt, Flucht oder Lust. Du erwartest wägend, innerlich die Arme ausbreitend im Fragen: Wo ist das Dritte ,wo die Not-Wendigkeit?
Nie wird sie dich verlassen! Sie schlägt ein wie der Blitz, fällt reif vom Baum wie die Frucht, ergreift dich rettend an der Hand, schenkt die Lösung des Problems, das du grübelnd nicht fandest!
Jeder kann kennen, was hier beschrieben ist. Doch suche es auf, prüfe es stündlich! Fühle nach, was es dir entgegenbringt, auch in diesem eigentümlichen Wohlgefühl, dem der freien sinnvollen Entscheidung.
Und spüre nach, wie es zum Weg wird, als innere Führung, als ein Geschenk und als Gnade, die uns mit Menschen verbindet, wie diese geheimnisvolle Führung uns, und sei es durch Prüfungen, zum nächsten Lebensschritt führt, der sich weitet, und sei es zunächst nur spurenweise und keimhaft, hin zur Menschheit und zur Ganzheit der Welt, zum Leben.
Nun in der Stunde der Not der gesamten Menschheit in sich die Wende zu finden, in diesem Geschenk, wie Schiller es als Vorausschau einst beschrieben hat, hin zu einer rettenden Zukunft, die spürend keimhaft sich zeigt, das hat jeder und jede stündlich in der Hand.

Das Bild des Verspotteten Christus aus einer Mönchszelle des Klosters San Marco in Florenz zeigt diese Waage eines Menschen, der in höchster Not, rechts mit dem harten Stab der Gerechtigkeit und links mit dem weichem Seidenball der Enthebung, das Gleichgewicht hält, ihn schützend in allem dem ihn Bedrängenden und Bedrohenden und ihm den Weg öffnend zu dem Ziel, was ihm bestimmt ist und durch ihn für die Menschheit.
Oktober 2026
Dazu mein Buch Schiller oder das Geschenk der Menschheit und die Soziale Kunst – Edition Zwischentöne