Kallias oder über die Schönheit, so ist der Titel einer fast unbekannten Schrift Friedrich Schillers, erschienen 1793, eigentlich ein unvollendeter Briefwechsel mit seinem Freund Gottfried Körner über die Fragen von Freiheit und Schönheit.
In diesem Briefwechsel ist an einer Stelle, gleichsam wie in einer Nuss-Schale, das soziale Urphänomen beschrieben, was auch zugleich das zunehmend aktuelle soziale Grundproblem ist, nämlich der polare Gegensatz zwischen dem behaupteten eigenen Willen, der sich gegen alle anderen Willen durchsetzt, und dem nachgebenden Willen.
Auf eine überraschend einfache Weise zeigt Schiller die Lösung dieses Gegensatzes, in einem Tanz, so wie es ihm damals erschien, in einem englischen Volkstanz, der aber ein Urphänomen, gleichsam ein Keim einer zukünftigen sozialen Kultur zu sein vermag, dann, wenn man ihn als einen solchen aufgreift und vielfältig weiterentwickelt. Was aber die bei Schiller unausgesprochene Voraussetzung ist, ist der dazu notwendige Gute Wille der Beteiligten.
Konkret zu erleben ist das aber in jeder der vielen Übungen der Kallias Schule für Soziale Kunst und Pädagogik.
Wobei Kallias im Griechischen die Bedeutung von Schönheit und Friede hat, und das unerlöste Soziale, wie wir es gesteigert sehen in der Gegenwart, das krasse Gegenteil, Krieg und Chaos bedeutet.
Dem im Künstlerischen durch den Guten Willen der Beteiligten gelösten und erlösten Sozialen jedoch gelingt es keimhaft, Schönheit und Friede zu erzeugen und zwar dreifach:
So als Freiheit in der jeweiligen klaren gedanklichen Überschaubarkeit der Gesetzmässigkeiten für alle Beteiligten in jeder Übung,
als Gleichheit in den fliessend in der Übung entstehenden gemeinsamen Rechtsverhältnissen,
und als schwesterliche Brüderlichkeit im Umgang mit der Beholfenheiten und Unbeholfenheiten der einzelnen Teilnehmer während des Prozesses.
So wäre im Nachhinein, Schiller folgend, gleichsam die blutige Französische Revolution im Keim erlöst, zu der Schiller damals seine Briefe über die Ästhetische Erziehung an den dänischen Prinzen Christian Friedrich von Augustenburg geschrieben hat, als der mitteleuropäische Gegensatz dazu, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit nicht blutig erzwingend, sondern friedlich in einfacher Schönheit erzeugend dargestellt hat.
Nun heisst es Kallias-Schule? Wo ist diese Schule und wo ist der Lehrer?
Da der dies Schreibende in seinem hohen Alter nun zu äusserer Untätigkeit gezwungen ist, so besteht die Schule gegenwärtig (Anfang 2026) aus einer an Orten vieler europäischer Völker verstreuten Menschenfülle, die durch lange Jahre an diesen Übungen teilgenommen hat, völlig unorganisiert und fast ohne Zusammenhang, die Übungen im Nachklang vielleicht aufgreifend, wie gerade in Österreich von Freunden, oder von Einzelnen, wie durch den Freund Winfried Schneider aus Freiburg, der sie an verschiedenen Orten mit Menschen übt.
Und wer ist der Lehrer dieser Schuler? Sicher ist es der Schreibende, insofern er die Übungen durch viele Jahre entwickelt und mit ungezählten Menschen geübt hat.
Doch hier gibt es ein Geheimnis, ein offenbares. Wenn der hier Schreibende sicher ein Lehrer ist, so hat auch er einen Lehrer, den eigentlichen. Wer ist das?
Das ist aus der wahrhaft wahrgenommenen Situation das jeweils sich Offenbarende, welches wahrzunehmen ist mit dem Sinn für das Sinnvolle.
Die Zeit ist vorbei, wo Autoritäten Schulen gründen und Menschen letztlich in ihren Bann ziehen. Schaut Euch um und lasst Euer Wahrheitsempfinden gelten!
Heute kann nur das führen, was als Sinn für Wahrheit, Schönheit und moralische Güte jedem Menschen innewohnt und dann erwacht, wenn er anzuschliessen vermag an das, was er als Kind selber mitgebracht hat als vorgeburtlich angelegten Sinn für das Sinnvolle!
Damit ist zugleich bezeichnet der Ansatz der Kalliasschule zu einer neuen Pädagogik, der eigentlich das zu erfüllen sucht, was Rudolf Steiner in vielen Vorträgen, zentral in dem Vortrag vom 2. Februar 1915 (GA 161), richtungsweisend angibt, aber was offensichtlich entweder in der gegenwärtigen Waldorfpädagogik versandet ist oder von Beginn an, wie in der klassischen Waldorfkindergartenpädagogik, ausser Acht gelassen wurde: das unmittelbare Anschliessen an das jeweilig individuell vorbereitete Vorgeburtliche des Kindes als die eigentliche Quelle der Pädagogik.
Da es sich glücklicherweise ergeben hat, durch Gerhard Beilharz in seinem Verlag Edition Zwischentöne drei grundlegende Schriften von mir zu dem oben Angedeuteten erscheinen zu lassen, ist es möglich, sich in diese Themen zu vertiefen. So im ersten Buch, Schiller Das Geschenk der Menschheit und die Soziale Kunst, im zweiten Die Kallias Schule Gemeinsames Bewegen im Spiel und in dem kürzlich erschienen Die Quelle der wahren Pädagogik ist das Kind, letzteres mit einem Geleitwort von Mathias Maurer.
Dazu gehören die vier früheren Bücher über Kindergartenpädagogik im Verlag der Kooperative Dürnau und das Büchlein aus dem Verlag Ch. Möllmann Die Waldorf-Kindergartenpädagogik.
Das dritte Gebiet, das aus der Kallias Schule hervorgegangen ist, ist das, was wir nennen Kollegiale Wertschätzung. Zwanglos ergibt es sich, wenn zwei Menschen sich begegnen, wie es hier im badischen Raum üblich ist, und im, wenn auch nur im kurzen Gespräch sich austauschen und, für einen von aussen Kommenden deutlich erlebbar, von einander ein wenig lernen und Freude daran haben. Im gossen und urbildlichen Sinn ist das durch zehn Jahre geschehen zwischen Schiller und Goethe, zunächst auf Abstand und dann, durch Schillers Initiative, den polaren Gegensatz mutig überwindend. Goethe den Schauenden und Schiller den Sinnenden nennt Rudolf Steiner den Gegensatz zwischen beiden. Viel ist darüber geschrieben worden. Gerade weil der Gegensatz so offenbar war, ist die Verbindung über zehn Jahre, die entstanden ist in Gesprächen und in einem Briefwechsel, so vorbildlich, weil beide nicht nur unendlich viel voneinander lernen konnten, sondern sich in ihrem Wesen aneinander und zueinander verwandelten.
Schauen wir uns um in unserem Leben, so gibt es unendliche Gelegenheiten, diesem Vorbild zu folgen und uns gegenseitig innerlich zu bereichern und erweitern auf eine Weise, die nicht ausgedacht, sondern die in den Menschen veranlagt ist seit Urbeginn, und auch ihre frühen Vorbilder hat, so in den beiden griechischen Philosophen Plato und Aristoteles, dargestellt in dem grossen Wandbild Die Schule von Athen im römischen Vatikan, wo eine grosse Gruppe von Philosophen zu sehen ist, deutlich im Gespräch miteinander, mit den beiden, miteinander schreitend, in der Mitte.
Was wir als Grosse vermögen, das tun auch die Kleinen, stündlich anzusehen in unserem Kindergarten, und wir, wenn wir aufmerksam sind, mit ihnen. Und letztlich wundervoll auch belehrt von ihnen, Kollegiale Wertschätzung zwischen Kindern und so genannten Erwachsenen, die auch einmal Kinder waren, Kallias Schule, unser Vorbild.