Nachdem nach der Aufklärung der Menschheit die Religion abhandengekommen ist, ist immer noch die Kunst da. In dem Bild moderner Wissenschaft dürfte Kunst aber nicht vorkommen, da sie weder Zweck noch nachweisbaren Nutzen hat, und die Welt dieser Wissenschaft, die sich als Naturwissenschaft versteht, doch nur nach Zweck und Nutzen aufgebaut ist. Noch wird niemand wagen, die grosse Kunst der Vergangenheit, weder Architektur, noch Plastik, Malerei, Musik, Poesie und Tanz, – da nicht berechenbar und nicht naturwissenschaftlichen Kategorien unterworfen, – sie leugnen zu wollen wie die Religion, vor allem in ihrer Wirkung auf die Menschen und dessen Sehnsucht und Fähigkeit, Kunst hervorzubringen. Es gibt also ein grosses Gebiet menschlicher Tätigkeit und Erfahrung, das nicht von den Wissenschaften, die heute die Welt erklären und beherrschen, zu erfassen ist.
Was soll heutige Gehirnforschung wollen in Bezug auf Leonardos Abendmahl? Wenn aber dieses grosse Kunstwerk nicht in ein vernünftiges Verhältnis zur Neurowissenschaft gebracht werden kann, was soll dann diese Neurowissenschaft? Das heisst also: moderne Wissenschaft reduziert sich auf Teilgebiete des Seins, macht aber den Anspruch, das ganze Sein zu erklären. Das Kunststück wäre zu bewundern, wie radikale Gehirnforscher, die das Gehirn als eine Maschine und den Menschen als willensunfrei abhängig von dieser Nervenmaschine betrachten, dann aus dieser Maschine die sinnvolle Schönheit griechischer Tempelarchitektur zu erklären suchen.
Der Grundimpuls solcher Wissenschaft ist somit nicht und niemals in einem vernünftigen Denken zu finden, sondern einzig und allein in einem unbewussten Willensimpuls, dem nämlich, der keine Mittel scheut, mit Rationalität die Welt zu beherrschen. Nicht das Denken leitet diese Wissenschaft, sondern das Denken dient solcher Wissenschaft als Zweckinstrument, die Gebiete dem Menschen untertan zu machen, die ihm nützlich sind und alle anderen als „unwissenschaftlich“ auszublenden und zu leugnen.
So kann man sagen: nicht Wirklichkeit erfasst solche Wissenschaft, sondern sie vermag im Extremfall Unwirklichkeit, solches, das vorher nie in der Welt vorhanden war, zur Wirklichkeit werden zu lassen. Der Sündenfall darin waren die Erfindung, der Bau und die Anwendung der Atombombe. Die Elektronik, die digitale Welt ist der Triumph der Unwirklichkeit über die Wirklichkeit.
Wer heutige Wissenschaft, welche auch immer, in ihren Voraussetzungen, ihren Methoden und vor allem in ihren Wirkungen untersucht, wird nichts finden, was nicht von Reduktion, das heisst aber Verminderung und damit Zerstörung der vorhandenen Wirklichkeit, ausgeht, sich nicht in seinen Forschungsmethoden rein quantitativ und damit wiederum zerstörend verhält und dadurch in seinen Auswirkungen nicht auf das Weltganze zerstörend wirkt.
Noch soviel Klimaforschung wird keine Hilfe für das Klima sein, weil Klima ein so umfassendes Lebensgebiet, dem es entstammt, voraussetzt, das von keiner noch so viele Komponenten enthaltenden Computersimulation zu erfassen ist. Wer das Klima, wer auch „nur“ das Wettergeschehen verstehen will, muss gleichsam die ganze Welt verstehen, wie die Äusserungen eines Menschen nur dann zu verstehen sind, wenn man diesen Menschen ganz kennt. Wer jedoch kennt auch nur einen Menschen ganz, und sei es der aller nächste?
Wissenschaft, wie sie heute ist und herrscht, hat keinen Wahrheitsbegriff, sucht nicht Wahrheit und findet somit keine Wirklichkeit. Sie sucht willensstark und durch keine Einsicht zu verhindern nichts als Zweck und Nutzen. Für den, der Augen hat zu sehen und Ohren zu hören, und das sind schon viele, gleicht die Welt einem Haus, das, unabhängig von dem Grund, auf dem es steht und von denen, die es erbaut haben, vom einen Ende her bis ins letzte vermessen und berechnet wird, um dann am anderen Ende angezündet zu werden, damit dadurch für die Wärme entsteht, die es in diesem Haus gerne warm haben wollen.
Das Verbrennen des Hauses, das aber das einzig vorhandene ist, nennt man Zuwachs der Wirtschaft. Wirtschaft und ihre militärische Macht sind die Götter, denen heute allein Wissenschaft dient. Was am einen Ende der bestehenden Wirklichkeit, unseres Hauses, entdeckt, erfunden, entwickelt und triumphierend hoch gehalten wird wie die Fackel der amerikanischen Freiheitsstatue, als die Wissenschaft, das bricht und bröckelt an ihrem anderen Ende ab und fällt in den endgültigen und unwiederbringlichen Abgrund des Nichts, durch die Wirtschaft.
Wie aber sieht eine solche Wissenschaft aus, die Wirklichkeit erfasst, die sie nicht zerstört, sondern diese wirksame Wirklichkeit entdeckt, heilt und weiterentwickelt? Eine solche Wissenschaft geht einzig und allein aus vom Sinn. Sie setzt voraus, dass der Mensch ein sinnvolles Ganzes ist, das dem Sinnvollen der Welt gegenübersteht. Der Mensch kann den Sinn der Welt verstehen, weil er den Sinn der Welt in sich hat. Jedes Organ, jede gesunde Funktion enthält den Sinn, wie auch in der ihn umgebenden ursprünglichen Welt in allen Teilen Sinn ist.
So wird der Mensch geboren mit diem Sinn als Anlage und als Suche. Im spielenden Kind offenbart sich beides in seiner Unschuld. Vom Spiel des unverbildeten Kindes abzulesen ist das gesunde Verhältnis zwischen dem Sinn im Menschen und dem Sinn in der ursprünglichen Welt.
Erwacht das, was im Kind das Spiel ist, im Erwachsenen als Denken und dann als sinnvolle und den Sinn suchende Wissenschaft, dann erkennt sie, dass dieses Sinnvolle im Menschen wie in der Welt gebrochen ist, dass es unvollständig und unvollkommen ist. Im Menschen und in der ihn umgebenden Welt ist das Sinnvolle bei gutem Willen als Urbild und als Mass erkennbar und fassbar. Sind aber Urbild und Mass zu erfassen, dann ist auch das Unvollständige zu ergänzen und das Unvollkommene auf den Weg der Vollkommenheit zu bringen.
In der Tradition aller Kulturen gibt es eine Fülle von Bildern, Zeichen und Symbolen, nicht selten aus dem Bereich der Zahlenverhältnisse, auch der des Tierkreises und der Planeten genommen, die zeigen, dass jede Kultur den Sinn der Welt und des Menschen darin voraussetzte und zu verstehen suchte. Wie sollte die Welt sinnlos und zufällig sein, wenn nur in unserer Zeit und niemals früher, seit es Kulturen gibt, eine solche Frage gestellt wird? Diese Frage selbst ist in sich sinnlos und findet keine Entsprechung in der Welt, wie sie ursprünglich gewesen ist. Erst seit die Sinnlosigkeit behauptet wird, kommt das Sinnlose in die Welt.
Wer sich ganz auf den Sinn, das Sinnvolle in einer solchen Wissenschaft verliesse, der bräuchte nie Zweck und Nutzen als erstrebenswert zu beachten, sondern der würde erkennen, dass im Sinn diese Wahrheit lebt, die fruchtbar ist, die auch Zweck und Nutzen umfasst. Wer das Sinnvolle tut, wird das Fruchtbare gewinnen. Wer das Ganze der Welt zu erfassen sucht, wird von der Fülle belohnt und vom Überfluss, wie es alle alten Kulturen erweisen. Was sinnvoll ist, gibt auch dem den Nutzen, den er braucht und erfüllt ihm den Zweck, der im Sinn auch enthalten ist. Jede Tier, jede Pflanze, jedes Organ und jeder natürlich Prozess erweisen das.
Wer nicht aus Ehrfurcht und Bewunderung des Sinnvollen eines Auges dieses erforschen will, wie will er das Auge verstehen, da es aus einem Sinnvollen entstanden sein muss, das nur noch umfassender als dieses sein kann, um es entstehen zu lassen? Und offensichtlich höher und weiter als der, der diesen Sinn verstehen will. Denn wer kann ein Auge ganz verstehen, der es nicht auch erschaffen kann?
Da wir nicht das Ganze der Welt erfassen können, wir aber in einer sinnvollen Wissenschaft das nicht reduzieren wollen, was eben nur als Ganzes zu verstehen ist, müssen wir ausgehen davon, dass im Teil schon das Ganze enthalten ist, pars pro toto hat man das genannt. „Jedes Existierende ist ein Analogon alles Existierenden; daher scheint uns das Dasein immer zu gleicher Zeit gesondert und verknüpft.“ Goethe hat in seiner Erkenntnismethode, die eine wissenschaftliche und eine künstlerische zugleich ist, einen Weg eröffnet, der das Ganze der Welt in sinnvollen und zeitgreifenden Schritten fassbar machen kann. Rudolf Steiner hat in seiner Erkenntnistheorie Goethes Methode auf die Höhe eines modernen Denkens gehoben, aus dem das entstehen kann und schon entstanden ist, was sich als die Wissenschaft erweist, welche Wirklichkeit erfasst.
Sinn der Welt – TAO
Ein altes Wort für den Sinn der Welt und im Menschen ist TAO. Einen schönen Spruch über das TAO oder den SINN hat Richard Wilhelm, der tief den Osten Verstehende, auf seine Weise ins Deutsche übersetzt.
Es gibt ein Ding, das ist unterschiedslos vollendet.
Bevor der Himmel und die Erde waren, ist es schon da,
so still, so einsam.
Allein steht es und ändert sich nicht.
Im Kreis läuft es und gefährdet sich nicht.
Man kann es nennen die Mutter der Welt.
Ich weiß nicht seinen Namen.
Ich bezeichne es als SINN.
Mühsam einen Namen ihm gebend,
nenne ich es: gross.
Gross, das heißt immer bewegt.
Immer bewegt, das heißt ferne.
Ferne, das heisst zurückkehrend.
So ist der SINN gross, der Himmel gross, die Erde gross,
und auch der Mensch ist gross.
Vier Grosse gibt es im Raume,
und der Mensch ist auch darunter.
Der Mensch richtet sich nach der Erde.
Die Erde richtet sich nach dem Himmel.
Der Himmel richtet sich nach dem SINN.
Der SINN richtet sich nach sich selber.
Laotse
Tao te king