Alle Versuche, die sozialen Probleme zu lösen, scheitern daran, dass wir die blosse Vernunft anwenden, das heisst bildlich gesprochen die Kraft des Sonnenlichtes, das den Raum radial ausleuchtet. Das Soziale hat aber eine Nachtseite, es ist nicht nur radial und rational, sondern es ist launisch, lunarisch gebogen und unberechenbar. Es wird nicht bloss von der Mondenkraft durchzogen, sondern es ist auch venushaft, jupiterisch, marserfüllt, saturnschwer, somit unregierbar durch direkte Einwirkung. Es sei denn, wir wenden uns an die Kraft des Merkur. Allein die Merkurkraft, das merkuriale Prinzip des Bindens und Lösens hat heute die Fähigkeit, mit der Sonne und den anderen Planeten zusammen die Probleme zu lösen, die durch den Zerfall der alten kosmischen Weltordnung entstehen.
Die merkuriale Fähigkeit ist der Schlüssel, der geheimnisvolle Hermesschlüssel, der das zu öffnen und verwandeln vermag, was, in den Raum gepresst, zum unlösbaren Salzkristall der Problematik wird. Allein das Wasser der Zeit ist es, welches das räumliche Salz der Probleme zu lösen vermag. Ein anderes Wort für den zu erübenden Prozess der merkurialen Kraft ist Spiel im Sinne der schillerschen Briefe.
Diese Kunst wirkt somit als ein soziales Ferment. Indem wir als Gruppe in den gemeinsam sich gestaltenden Prozess hineingehen und alle jeden anderen im Bewusstsein haben, weil sonst die Übungen nicht gelingen, durchdringen sich auch die Bewusstseine miteinander. So dass man sagen kann: jeder ist ein Teil des Erlebnisses von allen anderen. Etwas wie ein bewusstes Gemeinwesen entsteht und vergeht wieder, wenn die Aufgabe beendet ist.
Diese Übungen haben einen künstlerischen und einen praktischen Wert. Der künstlerische Wert besteht darin, dass Elemente geübt werden, die mit allen anderen Künsten Verwandtschaft haben. Es gibt Übungen architektonischen, plastischen, malerischen, musikalischen, sprachlich-poetischen, theatralischen, tänzerischen Charakters. Ausserdem sind viele Übungen entwickelt im Zusammenhang mit der Landschaft, mit der Natur, mit dem Licht und dem Wetter. Als Spiel von Erwachsenen, das auch die Verbindung mit dem Spiel der Kinder sucht, kann diese Übungsart als eine Anlage zu einer Gesamtkunst gesehen werden, der alle anderen Künste überlegen sind, bis auf einen Punkt: hier wird der Keim, wird die Anlage zu allen anderen Künsten gesucht und beachtet.
Zu gewissen Zeiten und bei besonderen Gelegenheiten, bei denen zum Beispiel ausübende Musiker improvisierend an den Übungen teilnahmen oder malerische, plastische Kunstwerke im Mittelpunkt standen oder die Übungen als Improvisationen in Räumen besonderer Art stattfanden, etwa in der Kathedrale von Chartres oder in dem Modellbau Rudolf Steiners in Malsch, im Doppelkuppelbau des von Imre Makovecz erbauten Kindergartens in Solymar, Ungarn, entstanden Zeit-Kunstwerke, die den Teilnehmern unvergesslich sind und an denen der erste Ansatz zu grossen, volksfestartigen Gesamtkunstwerken erfahrbar wurde.
Auch verschiedene Gegenstände und Materialien belehren den Übenden und zeigen Wege des Spieles, so handgeschnitzte Stöcke und Stäbe, die zu Wurf- und Kampfübungen anregen, Steine, die in ihrer Schwere und Dichte im Tragen und Werfen belehren, lange, weisse Baumwollschnüre (Schwarzwälder Uhrenschnur), die im Raum und in der Landschaft entfaltet, gespannt, verwoben, verknotet und wieder gelöst, sowohl geometrische Strenge wie fliessende Strömungen als Beziehung zwischen Menschen zum Erlebnis bringen. Zarte, leichte, gefärbte Stäbchen aus Holunderholz regen die orakelartige Legespiele an. Wie überhaupt das bauende Legen und Anordnen von Gegenständen in der Mitte der Gruppe aus der Bewegung heraus, um dann von ganz verschiedenen Standpunkten aus dem Umkreis, Licht, Schatten und Abstände einbeziehend, lehrreiche Erfahrungen im Austausch ergeben, wobei man sich in die Perspektive der anderen versetzen kann, ohne den eigenen Aspekt aufzugeben – eine sonst meist vergeblich zu erreichende Bemühung im Umgang miteinander. Auch die Erfahrung mit Bällen aus geschichteter und dann gefilzter Wolle, und diese dann in der Polarität zu den Stöcken benutzt , ergeben Übungen, die ohne Absichten reale Symbole von Wirklichkeiten des Lebens darstellen – für jeden in der Empfindung deutbar, wie man selber es aus der Situation ablesen mag. Der unreflektierte, spontane Austausch nach jeder Übungsphase bildet eine gemeinsame Bewusstseins-Oberfläche des Wahrnehmens, gleichsam ein wachsendes soziales Sinnesorgan. Die künstlerische, die ästhetische Grundhaltung verhindert das Abgleiten in kritisches, reflektierendes, oder psychologisches Denken, welches die Trennung vom sozialen Prozess zur Folge hat. Allein die künstlerische Haltung erlaubt, dass das Denken vom Handeln nicht getrennt wird.
Die praktische Seite dieses Übungselementes besteht in ihrer Anwendbarkeit in allen sozialen Zusammenhängen, in denen nach gemeinsamer gestaltender Beweglichkeit gesucht wird. Heute wird soziale Organisation meist nach scheinbar praktischen, rationalen Gesichtspunkten vorgenommen, so als ob der Mensch ein quantitativer und mechanischer Bestandteil und das Zusammenwirken ein berechenbar mathematisches sei. Zunehmend wird dies anonymen Programmen ausgesetzt, die dann auch noch elektronisch im Sinne rationaler Vereinfachung und äusserlicher Effektivität entwickelt werden. Die Anpassung des Einzelnen an die von aussen gegebenen und eigentlich mechanischen Regeln des Zusammenwirkens nennt man heute soziale Kompetenz. Diese ist nichts anderes als eine Indoktrination und schliesst damit alles Persönliche und neu Entstehende und Schöpferische im sozialen Bereich aus. Die Folgen der mangelnden Eigenbestimmung des einzelnen Individuums zeigen sich allerorten im Verlust der menschlich nachvollziehbaren Überschaubarkeit des jeweiligen Organismus, sei es in Schulkollegien, Wirtschaftsunternehmen, Behörden etc., indem das Gefühl der einzelnen Menschen vorherrscht, nicht Mitgestalter des sozialen Prozesses, dessen Verantwortung und seelisch-geistige Teilnahme gebraucht wird zu sein, sondern austauschbares Objekt und Teil einer rein statistischen Nützlichkeit. Soziale Kälte wirkt immer stärker und hinterlässt zerstörende, seelisch und körperlich kränkende Wirkungen, die bereits jetzt unübersehbare auch ökonomische Folgen haben.
Wer es sehen will, sieht es: die der heutigen Wirtschaft – und sie bestimmt nun global alles – zugrundeliegende westliche materialistische Denkweise zerstört ihre eigenen Grundlagen und mit ihr die Menschheit und die Erde. Erstmalig in der Geschichte der Menschheit beschreitet diese als Ganzes den Weg zur Selbstvernichtung und dies im Zeichen der Gewinnmaximierung einer immer kleineren elitären Gruppe.
Die Kulturgeschichte aber zeigt, dass echte und beständige Sozialstrukturen zum einen niemals von blosser Rationalität, sondern aus intuitiver Weisheit und vor allem aus willensmässigen Wärmeprozessen gestaltet wurden. Ihre Folgen waren einst Fruchtbarkeit, Fülle und Vermehrung der Ressourcen, statt ihrer Vernichtung. Das grosse historische Vorbild ist die alte persische Kultur, in der die nachwirkenden Grundlagen aller späteren Kulturen gelegt wurden. Wärme bildet sich im sozialen Gefüge durch Überschaubarkeit, Verantwortlichkeit und dadurch entstehendes Vertrauen.
Ein wesentlicher Punkt, der heute niemals in sozialen Zusammenhängen beachtet wird, ist das Verhältnis des sozialen Organismus zu den einzelnen Leibern der Menschen und deren Befindlichkeit – es sei denn negativ in der Gestalt von Erkrankungen, die immer grösseren Umfang annehmen und den sozialen Prozess lähmen.
Die Übungen der Kallias Schule gleichen einer sozialen Fermentwirkung im Sinne einer zweckfreien Entwicklung des Gemeinsinnes hin zu einer freien Überschaubarkeit dessen, was man, aus Freude am Gestalten, selber miteinander tut – und dies immer unter Einbeziehung des Körpers, dessen Schwere durch die Leichte der gemeinsamen Beweglichkeit aufgehoben wird. Man könnte diese Übungen auch einen spielerischen sozialen Tanz nennen, zu dessen Gelingen zunächst nichts anderes gehört als der gemeinsame Gute Wille, die auch Buddha-Kraft genannt werden kann und die heute in vielen Menschen als Anlage vorhanden ist. Im Grund wird mit diesen Übungen wieder zum Leben erweckt, was in manchen Handwerken der Vergangenheit und vor allem auf dem Lande der praktische Sinn für das Zusammenwirken, der Gemeinsinn war. In der Bauhütte, bei den Zimmerleuten, in der Schmiede, bei der Feldbestellung und der Ernte, aber auch bei der Selbstverwaltung der Dorfgemeinschaft war das, was man Gemeinsinn und Gemeingeist nannte, eine sowohl seelisch-geistige wie eine handgreiflich-praktische Haltung. Das bewegungsmässige Eingehen aufeinander, das soziale Verständnis aus Andeutungen und Gesten heraus bewirkte, dass jeder seine Bedeutung und Verantwortlichkeit spürte und aus dem heraus seine Kräfte einsetzte.
Als ein Urbild solchen Zusammenwirkens aus dem gemeinsamen Willen kann das Rudern der Wikingerschiffe gesehen werden. Das skandinavische Wort für, wenn es die Notwendigkeit forderte, die unerbittliche Einheit einer solchen Gruppe von Ruderern ist lag, das heute auch für den Sport gilt. Lag ist aber auch das Wort für das Gesetz und bildet einen gänzlich anderer Gesetzesbegriff, als der bei uns herrschende Begriff römischen Ursprungs. Im Nordischen hatte das Gesetz seinen Ursprung im willenshaften, selbsterlebten Zusammenwirken, im römischen Süden in der verstandesmässigen und von oben verfügten Kodifizierung und Dogmatisierung. Zur Bildung des Gemeinsinnes auf den praktischen Lebensgebieten gehörte früher in allen Kulturen immer auch der Volkstanz, der nicht nur Feierlichkeit und Entspannung brachte, sondern auch Reinigung und Veredelung von Arbeitsbewegungen und der Formen und Gestaltungen sozialen Zusammenwirkens. Diese aber enthielten Bewegungen, die im Kosmos veranlagt sind, das heisst, planetarische, mathematische und solche, die als männlich-weibliche Urpolarität die Welt durchziehen, wie auch das kriegerische und das Friedenselement.
Die Kallias Übungen können aufgefasst werden als der Beginn einer neuen sozialen Tanz-Art, die sowohl die Beachtung einer eigenen Exaktheit und Gesetzmässigkeit verlangt, wie sie aber auch spielerisch unvollkommen zu sein haben, um sich nach den vorhandenen Gegebenheiten unendlich weiter entwickeln zu können.
Das Wort Kallias ist nicht nur gewählt, weil es der Titel von Schillers Schrift Kallias oder über die Schönheit enthält. Sondern in diesem Wort liegt der griechische Ausdruck für die Tugend, welche die menschlichen Kräfte in eine gesammelte Kraft des Friedens verwandelt. Sie ist der Gute Wille, der die Grundvoraussetzung für das Gelingen dieser Kunst ist.
Was sind die geistigen Hintergründe der Kallias Übungen?
Friedrich Schillers Schrift Kallias oder über die Schönheit ist eigentlich ein unvollständiger Briefwechsel mit seinem Freund Körner, der als parallel zu den Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen entstanden ist. Die Briefe wiederum sind die mitteleuropäische, philosophische und künstlerische Antwort auf die Wirren der Französische Revolution. Die Konsequenz der schillerschen Briefe als eine im höchsten Sinne praktischen Anleitung zu modernen Sozialgestaltungen ist noch lange nicht erkannt. Soziale Gestaltung vom Gesichtspunkt der Ästhetik zu sehen, ist ein zukünftiger Aspekt. Gehen wir allerdings in die Vergangenheit zurück, so war es die ästhetische Bildung der leitenden Beamten im alten China, der Mandarine, welche ihnen die für die Harmonisierung der politischen Fähigkeiten verlieh, um ein Riesenreich zusammenzuhalten. Es war die weise Gleichgewichtslehre des Konfuzius, die bis heute, durch den Kommunismus in China hindurch, organisierend weiter wirkt.In Schillers Schrift Kallias wird das soziale Urphänomen in seiner allerkürzesten Form dargestellt. Nach Schiller ist es der polare Gegensatz von Führen und Geführt-Werden, von eigener Initiative und Anpassung. „Behaupte deinen Willen“, „schone den Willen der anderen“ – so benennt Schiller die beiden sozialen Willenshaltungen. Was die sozialen Probleme schafft, solange dieser Gegensatz ein statischer ist, löst sich unmittelbar, wenn aus der statischen Polarität ein von allen Beteiligten gemeinsam gestalteter Bewegungsvorgang wird. Was als soziale Problematik auf allen Ebenen heute erscheint, die immer mehr in Kriege ausartet, wird zum Frieden dann, wenn gemeinsam gestaltende Beweglichkeit und damit Musikalität ins soziale Spiel kommen ja, wenn dieses Spiel dann sinnvolle und rhythmische Arbeit wird. Die Tiefe des schillerschen Spielbegriffes wird einmal bis in die politische Gestaltung im guten Sinn erkannt werden, wenn die Kräfte am Ende sind, die ihrerseits heute mit der Menschheit ihr Spiel treiben.
Wie sind die Kallias Übungen entstanden?
Eine Kunst kann niemand erfinden. Wohl aber haben Künstler immer wieder neue Schritte in den Künsten gefunden. Die Kulturgeschichte ist eine Stufenfolge der Weiterentwicklung der Künste und damit eine schrittweise Enthüllung der Kunstarten aus dem einstigen Urelement, das die Griechen Chorós nannten. Das Element der Kallias Übungen ist hervorgegangen aus der fruchtbaren Aufbruchsperiode in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Was den Unterschied zu unendlich vielen Teilversuchen ausmacht, die heute in das Konglomerat von New Age-Bemühungen eingemündet sind, sind die geistigen Grundlagen und die schicksalsmässigen Vorarbeiten, die es ermöglichten, den sozialkünstlerischen Ansatz des Kallias-Elementes Schritt für Schritt aufzufinden.
Die eigene biographisch bedeutungsvolle Arbeit mit Schillers Briefen wie mit Rudolf Steiners Philosophie der Freiheit seit 1953 ist der Ausgangspunkt. Durch die Jahre wurden die darin enthaltenen Gedanken nicht nur als Inhalte, sondern als willensmässige Bewegungsvorgänge erlebt, die zwar im Kopf stattfanden, aber gleichsam nach einem Ausgang in die Sphäre der äusseren Wirklichkeit suchten. Das aktive Miterleben der musikalische Lebensarbeit von Julius Knierim im Heilpädagogischen Institut Michaelshof war durch acht Jahre eine grundlegende Vorarbeit. Wiederum half das Schicksal weiter, indem genau zu dieser Zeit der Strömungsforscher Theodor Schwenk, ebenfalls neue Wege erforschend, sein Werk Das sensible Chaos veröffentlichte und ein naher Freund Mitarbeiter in seinem Forschungsinstitut wurde. Was dort wissenschaftlich bearbeitet wurde, war gleichzeitig als künstlerische Anregung zu verstehen. Die Schönheit und Dynamik der veröffentlichten Bilder z. B. in seinem epochalen Buch „Das sensible Chaos“ zeigen gleichsam Gedankenbewegungen in einem äusseren, sichtbaren Medium. Eigene jahrelange Beschäftigung mit Wasserströmungen und dem Bauen von Strömungs-Gefässen gab eine der praktischen Grundlagen. Die spätere Begegnung mit der musikalischen, instrumentalen und stimmlichen Improvisationsarbeit von Pär Ahlbom in Schweden vermittelte die Erfahrung, dass es noch andere, neue Wege geben musste, um das, was sich aus der Enge des Kopfes willensmässig in die Sphäre der Kunst hinein entwickeln wollte, konkret aufzufinden. Noch aber war abzuwarten.
Im August 1984 endlich, oberhalb der Stadt Chur in Graubünden in der Schweiz war die Zeit reif, mit einer Gruppe von vertrauten jungen und älteren Freunden, unter anderem der in der Schweiz sehr bekannte Schauspieler und Zeichner Kaspar Weiss, der zu einer Art liebevoller Geburtshelfer wurde, dieses noch anfängliche Übungselement an die Öffentlichkeit zu bringen. Von da an und in vielen Kursen in 16 europäischen Ländern entwickelte sich diese Kunstart. Eine grosse Anzahl von Übungen entstand, von denen nicht mehr als etwa zweihundert schriftlich notiert wurden.
