gewidmet
Imre Makovecs
1935-2011
dem grossen ungarischen Architekten,
dem ich begegnen durfte
Welche Eigenschaften braucht ein Haus – nicht nur – für Kinder?
Ein Kind sollte auf dem Dorf aufwachsen. Wenn das nicht geht, sollte das Haus, in dem es lebt, ein wenig vom Dorf haben. Das heisst also: ein Kindergarten der Zukunft wird so sein, dass er, wenn es einmal wieder so weit kommt, ein Dorf werden kann. Küche, Stall, Scheune, Werkstatt – das sollte im Ansatz da sein. Und zwar echt, nicht zurecht gemacht für Kinder. Schließlich sollen die Erwachsenen auch als Menschen voll dort sein und arbeiten können, nicht pädagogisch herabgebeugt.
Die Kinder kommen von oben, also sollen wir sie nicht zu uns hochziehen, sondern herab- bitten. Das Motiv der Jakobsleiter gehört ins Kinderleben. Die kleinen Kinder wollen hinauf, weil sie daher kommen. Sie wollen spüren, dass es ein Oben und ein Unten gibt – steigend, kletternd, rutschend. So wird das Haus für Kinder mindestens eine obere Ebene haben und ein Dach, das sich an einer Stelle öffnet, vielleicht sogar eine Kuppel.
Ein solches Haus ist eines der Bewegung. Es ist ein Bewegungsinstrument, so wie eine Geige ein Klanginstrument ist. Ein gutes Bewegungsinstrument zeichnet sich dadurch aus, dass es Bewegung anregt, zugleich aber beruhigt und harmonisiert. Ein solcher Bau verhält sich zu den Kindern und zu den beteiligten Erwachsenen wie eine Baumkrone zum Vogelschwarm, ein Bienenkorb zu den Bienen, ein Ameisenhaufen zu den Ameisen.
Aber ein gutes Haus hat auch einen Klang, den jedes Kind hört, auch wenn es äußerlich still erscheint. Der Ton oder Tonus des Hauses bildet sich aus der Übereinstimmung von Material, Konstruktion und Bauprozess, also Arbeit. Der Arbeits-, d.h. Menschenklang ist in ein gutes Haus eingebaut, und Kinder erleben ihn, weil sie selber in ihrem Leibesaufbau und – Prozess einen Tonus, einen Klang haben. Auch wenn der Bautonus still erscheint, so ist er spürbar an jeder Stelle, die das Kind berührt, vor allem beim Gehen. Die musikalische Bauspannung wie bei einer Saite, durchzieht den ganzen Bau. Darf ein Kind einen solchen Bau nicht erleben, dann fühlt es sich um ein Wesentliches betrogen, auch wenn es nichts davon weiß.
Denn es kommt vom Kosmos, dem Weltenbau, und es erhofft und erwartet, dass die Erdenverhältnisse die Himmelsproportionen spiegeln und bestätigen. Das Kind möchte Höhe, Helligkeit, Licht und Weite erleben, im Hinauf- und Hinabgehen. Es möchte aber auch in die Enge und in die Dunkelheit hinein. Es möchte sich verbergen können. Also braucht das Haus einen guten Keller, ja fast eine Krypta, denn ein Haus hat für das Kind auch den Charakter eines Tempels.
Aber worin erlebt das Kind ein zu Verehrendes? Im Arbeitsprozeß der großen Leute. Wo geschmiedet, gehobelt, gesägt, genagelt, geschraubt wird, wo Produkte und wo Abfall entstehen, das liebt das Kind. Warum? Weil der Kosmos eine große geistige Werkstatt ist, sucht das Kind die Bestätigung in der irdischen Werkstatt.
Das ist die Welt der Männer, der Väter. Arbeiten diese gut und hingegeben, dann erlebt das Kind Moral. Denn Moral ist die Empfindung, dass in der Welt gebaut wird und dass die ganze Welt ein stimmiger Bau, eine Bauhütte ist. Deshalb ist das Kind froh, wenn das Haus nicht ganz fertig ist.
Immer ist noch etwas zu bauen. Auf Fertiges und vor allem auf Ästhetisches legt das Kind keinen Wert. Also ist eine gewisse Derbheit und Rauhigkeit der Wände, des Bodens, dem Kinde lieber, als wenn es dauernd überall aufpassen muss. Die Welt der Männer, der Väter ist der eine Pol.
Die mütterliche Welt ist der andere Pol. Die Werkstatt auf der einen Seite entspricht die Küche auf der anderen. Ja, wenn wirklich das Dorf entsteht, werden es viele Werkstätten sein und Küchen. Die Küchen können zu Laboratorien werden, die Heilmittel herstellen, Substanzen, Kosmetika, Farben für Maler.
Wenn ebenerdig gearbeitet wird, kann nach oben im ersten, im zweiten Stock die Muße sein. Hier kann getanzt, gesungen und erzählt und gemalt werden. Da gibt es vielleicht sogar etwas wie einen Altar für die Besinnung auf das große Lebensziel.
Im Keller werden Dinge und Produkte gelagert. Da ist es ein wenig unheimlich und man kann sich gut verstecken. Vielleicht kann da sogar eine Quelle sein, ein Brunnen, oder ein Bach fliesst hindurch.
Vom oberen Stockwerk kann man hinausgehen. Um den Bau ist eine Ballustrade, von der man über die Landschaft hinschauen kann. Da gibt es eine Leiter, es gibt eine Treppe und eine Rutsche. Überhaupt gibt es viele Treppen, Leitern, Kletterbäume und eine enge Wendeltreppe. Es gibt Säulen, Pforten, Nischen. Die Fenster sind oben, das Licht kommt von oben, man sieht ebenerdig nur durch kleine Öffnungen nach außen.
Wenn der Bau oval ist, dann kann an einer Schmalseite die Wand beweglich sein, nach Süden, dass man sie im Sommer wegnehmen oder zusammenschieben kann. Dann sind Innen und Aussen, sind Garten und Haus miteinander verbunden.
Eine Feuerstelle ist in der Küchennische, eine in der Werkstattecke. Vielleicht gibt es einen großen offenen Kamin oben oder unten.
Der Architekt braucht einen Auftrag, eine Idee, Geld. Die Bauherren oder –Frauen brauchen dazu noch eine Gemeinschaft, die zu mehr da ist, als zum ersten Bau, also eine Arbeitsgemeinschaft, eine Bauhütte.
Ist der Bau zu groß, zu vollkommen, so greift er in seiner Idee und in seinem Anspruch der Menschengruppe voraus – das sind die bitteren Erfahrungen an vielen Orten und durch viele Jahre. Er saugt dann Kraft und Ideen von den Menschen ab und schädigt die Gemeinschaft. Eher sollte der Bau ein wenig zu klein sein und wachsen können.
Ein Bau braucht einen Ort, eine Landschaft. Er steht, wenn er recht ist, an einem Punkt der Welt, von dem er ausstrahlt und an dem er mit anderen Bauten, Kräften und Gemeinschaften in Beziehung steht.
So hat man es in alten Zeiten gehalten, weil man das Verhältnis zwischen Bau und Erde kannte. Und so muss es wieder werden, sollten Erde und Menschengemeinschaft zusammen kommen. Die Kinder aber sind die Prüfer. An ihnen können wir ablesen, ob wir recht handeln.
Ein besonderes Prüfgebiet sind die Böden. In Material und – manchmal gewagter – Oberflächengestaltung die Füsse zu belehren und von den Füssen wieder belehrt zu werden, ist ihre Aufgabe.
War gedacht als Gesprächsentwurf mit Imre Makovecz, dem ungarischen Architekten, der gesagt hatte, er wolle einen Kindergarten für mich bauen. Weder sind dieses Gespräch noch der Bau zustande gekommen, er starb im September 2011. Wir sind uns zweimal begegnet.
Funktionelle Schulräume
Ein Suppentopf ist funktionell, weil er der Suppe entspricht, denn die Suppe ist rund. Eine Geige ist funktionell, weil sie, aus Wissen und Erfahrung, vielfältigste Musik hervorbringen kann. Eine Treppe entspricht mehr oder weniger den Bewegungen, die auf ihr vollbracht werden, um auf ihr hinauf- oder hinunterzugehen. Nun ist ein Kind, gar eine Kindergruppe, nicht so leicht zu fassen wie eine Suppe, ein Musikstück, eine steigende oder fallende Bewegung. Lehrer wissen das aus leidvoller Erfahrung schon lange. Dennoch lassen sie sich von Bauherren und Architekten Räume darbieten, die lediglich den physischen Leibern entsprechen, nicht aber den heutigen geistigen, lebensmäßigen, willensmäßigen Gegebenheiten. Die Leiber einer Kindergruppe passen in heutige Klassenräume so hinein, wie etwa Gegenstände in Schachteln. Dass diese vielleicht ästhetisch geformt oder künstlerisch gefärbt sind, ändert nichts an der mangelnden Funktionalität. So ist es kein Wunder, dass die Lehrer durch immer schwierigere Künste das ausgleichen müssen, was der Klassenraum an Funktionalität entbehrt.
Nun ist aber ein kastenförmiger Raum mit viereckigen Tisch-, Stuhl- und Tafelformen nur zu einem gut: die Bewegungslosigkeit herzustellen, die ein Quadrat und ein Rechteck, ein Kubus ihrer Form nach verlangen. Form entartet zur Norm. Die Folge ist, dass die vielfältigen Bewegungsantriebe der unterschiedlichsten Kinder sich auflehnen oder unterwerfen. Unterwerfung ruft die nervöse Unruhe hervor, die gleichsam unter den Tischplatten nistet und heckt. Gelingt es, auch diese Restbewegung noch zu unterdrücken, dann bekommt der nachfolgende Fachlehrer, der in ungleich schwächerer Position ist, sie explosiv zu spüren. Architekten wissen nichts von dieser ständig sich ändernden und steigernden Willenshaftigkeit der Kinder. Lehrer haben es versäumt, die unterschiedliche Dynamik der Bewegungs- und Willensbedürfnisse von Kindern zu erforschen und mit Kompetenz weiterzuvermitteln. Ja, man kann den Eindruck haben, unbewegliche, völlig still sitzende Kinder wären den meisten Lehrern am liebsten.
So wird man das hier Ausgeführte auch so lange anzweifeln, bis die weitere Entwicklung uns belehrt. Zu sehr sind wir noch befangen davon, dass der Bewegungsdrang der Kinder etwas Negatives wäre und zur völligen Ruhe gebracht werden müsse. Wirkliche Ruhe ist aber nicht unterdrückte Bewegung, ist auch nicht Abwesenheit von Bewegung. Beides ist dies krankhaft. Wahre Ruhe ist Fülle der Bewegung, die gleichsam abgesättigt ist. Ein Rad ist das Bild vollkommener Ruhe, weil es das Bild vollkommener Bewegung ist. Der in die Ewigkeit versunkene Buddha ist das Urbild der Quelle aller Bewegungen. Das gleiche gilt für den schlafenden Säugling.
Es gilt also, Räume zu entwickeln, die gleichsam soziale Willensinstrumente sind. Als solche müssen sie imstande sein, die widersprüchlichsten Bewegungen einer Kindergruppe so aufzufangen, wie etwa eine Baumkrone eine Vogelschar. Die vielfältige Einheitlichkeit von Ästen, Zweigen und Blättern saugt die schwirrende Vielfalt der Vögel auf, kann sie aber leicht und sachgemäß wieder entlassen. Über einen Bienenkorb und die Bienen wäre ein Entsprechendes zu sagen. Das gleiche gilt für ein gesundes Wildwasser, welches, trotz Schneeschmelze und Gewitterflut, seine zarten Ufergräser nicht verletzt.
„Mit edelstem Experimentieren“, wie Rudolf Steiner sagt, wären auch neue Schulräume zu entwickeln. Es spielt zusammen alles, was auf die Sinne der Kinder wirkt, nicht nur auf die betrügerische Ästhetik des Sehsinnes. Die so genannten unteren Sinne aber sprechen untrüglich an auf rechtes Material, auf die Bautätigkeit, die in die Räume hineinverzaubert ist, auf die Klangfähigkeit, die nicht nur Akustik ist, auf die Beschaffenheit des Fußbodens, der Decken- und Wandsubstanz, auf Möblierung und Raumaufteilung. Sie sollen zusammen dem entsprechen, was die Baumkrone für die Vögel ist. Die Baumkrone ist „echt“ für die Vögel. Die meiste moderne Architektur ist unecht. Zerstörungslust ist die gesunde Folge davon.
Nun glaubt der heutige Lehrer an die Frontalbegegnung. Er meint, dass nur so die Aufmerksamkeit des Kinder erfasst werden könne. Wäre er selber mehr forschend tätig in Bezug auf die Willensnatur des Kindes, so wüsste er, dass nicht nur der Unsinn aus dem Umkreis aufgenommen wird, sondern noch mehr und begieriger das Sinnvolle. Denn das Ich des Menschen ist sphärisch. Es gälte also, zu lernen, wie man aus dem Umkreis heraus unterrichtet. Gerade die Aufmerksamkeit mit dem Rücken ist die geistigere. Würde sie geschult, dann hätte man wahre Zukunftsfähigkeiten entwickelt.
Den idealen Raum wird man nicht herstellen können, es sei denn, man orientiert sich beispielsweise an der Baumkrone. Würde man Baumkronen studieren und auch, wie sich Kinder darin verhalten, dann käme man zu sphärischen Gestaltungen, aber auch zu Staffelungen in Höhe und Tiefe. Schon eine leicht arenaartige Anordnung, ja schon das Einbauen von verschiedenartigen Emporen, schrägen Ebenen, Nischen, Treppen und Leitern wären tastende Schritte auf diesem Wege. Das Maß wäre, wie der Raum die Unruhe aufsaugt und harmonisiert.
In einem ebenen Klassenraum oder auch im ebenen Kindergarten sind die Kinder „gestellt“. Nimmt man die Kinder in ihren Bedürfnissen wahr, dann merkt man, dass dieses „Gestelltsein“ ihnen oft große seelische Schmerzen bereitet. Meist kommen sie heute zerrissen, unverstanden, unerfasst, seelisch nackt herbei. Der Schulraum sollte ihnen zuerst eine Hülle bieten, nicht nur gut gemeint, sondern real wirksam. Das aber hieße bei vielen Kindern, dass sie sich verbergen können. Wir fordern von Kindern „Gut-Willigkeit“, „Frei-Willigkeit“. Das aber heißt auch, dass Kinder Rückzugsmöglichkeiten bekommen, aus denen der Wille dann freiwillig hervortreten kann. Kommt man ihnen darin baulich entgegen, wird man sehen, dass Ordnung und Disziplin ähnlichen Gesetzmäßigkeiten gehorchen, wie musikalische Klänge einem gut gebauten Instrument.
Von Schiller ist bekannt, dass er sich bei Empfingen Goethes das Zimmer erbat, das in einer Zimmerflucht am weitesten entfernt von der Gesellschaft war. Langsam näherte er sich den anderen, indem er sich an den Lärm räumlich gewöhnen konnte. Beziehen wir die Dankbarkeit empfindlicher Kinder ein in unseren Baupläne?
Viele Kinder zeigen Verhaltenstörungen aus Verletzlichkeit. Seele und Ich liegen bloß und schreien um Hilfe. Durch gegensätzliche Reaktionen von Kindern und Erwachsenen bildet sich ein Teufelskreis. Das empfindliche Kind weiß keinen Weg da heraus. Therapeutische Maßnahmen sollen dann ausgleichen, was dem Raum ermangelt. In Bauten aber, die Instrumente des sozialen Willens wären, könnten gerade solche Kinder oft zeigen, dass sie mehr als andere in einem geistigeren Umkreis leben. Da heraus käme dann die Inspiration, die die Pädagogik täglich erneuert.
Holzmodule könnten gebaut werden, im Pentagramm, im Sechseck, die sowohl kleine Innenräume enthalten, wie sie auch als erhöhte Flächen zu gebrauchen wären. Sie könnten als Tische, als Hocker benutzt werden, auf- und abgebaut je nach Bedürfnis. Ja, das Schreiben… Warum nicht wie zu Goethes Zeiten an „Stehpulten“ seine Buchstaben malen? Es käme auf den Versuch an.
Wo kämen wir da hin, sagen viele. Wenn jeder Lehrer seinen Klassenraum selber gestalten wollte, zu einem Werkraum, einem Studio, einem Atelier, einem sozialen Instrument? Uns wird angst. Da könnte ja das Chaos ausbrechen.
Also versuchen wir es noch eine Weile mit den schönen Schachteln. Bis die dann endgültig aus den Fugen gehen.
Nachbemerkung: Einige Tage nachdem ich diesen Aufsatz schrieb, konnte ich bei einer Ungarnreise Bauten von Imre Makovecz erleben. Seitdem habe ich wieder Hoffnung.
Eine Schule baut
Es wäre an der Zeit, dass die Menschen Selbsthilfegruppen für Architekturgeschädigte gründeten. Die sichtbaren und unsichtbaren Schädigungen durch das, was sogenannte Praktiker uns allen (und sich selbst) zufügen, müssten überwunden werden. Das kann dann geschehen, wenn man das Bauen nicht mehr nur denen überlässt, die offensichtlich nur das Verwirklichen des Bauens verstanden haben, aber die Wirkungen nicht sehen können. Die mittelalterliche Trennung von praktischen Weltmenschen und unpraktischen Weltfremden (wie beispielsweise Lehrern und Kindern) muss aufhören. Diese beiden Typen trennen sich, grotesk wie Münchhausens Pferd: das Vorderteil rennt zum Brunnen, um zu saufen, das abgetrennte Hinterteil bleibt vor den Toren stehen.
Für das Bauen sind alle verantwortlich, weil alle die Folgen tragen müssen. Die „Praktiker“ haben ihre Kenntnisse zur Verfügung zu stellen und zu warten. Die „Weltfremden“ haben diese Wartezeit zu nutzen, um ihre – viel komplizierteren, weil weniger messbaren und formulierbaren – Erfahrungen zu realisieren und zu konkretisieren. Was die Bausachverständigen machen können ist Topf und Teller. Die Erbsensuppe kochen und essen müssen immerhin andere, die über die Qualität der Gefäße wohl mindestens gleichwertig mitbestimmen sollten. Aber eben nicht weltfremd, sondern innere und äußere Sachkunde beitragend.
Dann gibt es ja die Praktiker, die dazu noch Kulturimpulse (nicht selten heissen sie Anthroposophen) verwirklichen wollen, oft seltsamerweise so billig wie möglich. Die billigste Firma wird aufgerufen, den repräsentativsten Bau hinzustellen. Man begibt sich da auf die ebene von Provinzfürsten und Bank- und Versicherungsgesellschaften. Einen ästhetischen Schulbau in dynamischen Formen anspruchsvoll hinzustellen, gleicht einem Geigenbauer, der in den Bau einer Geige gleich die Formen von Beethovens Musik hineinlegen will und dann noch aus Plastik. Beethoven darauf spielen kann man dann sicher nicht, wohl aber den seltsamen Anspruch bestaunen.
Ein Bau ist ein sachdienliches Instrument. Er soll also einer Sache dienen, nicht über sie vorgreifend herrschen. Bauen heißt somit, Demut vor dem, was im Bau entwickelt werden soll, räumlich-zeitlich zur Erscheinung zu bringen. Ein solcher Bau wird Einfachheit und Zurückhaltung atmen. Er wird vor allem atmen und dies sinnlich für die Seele spürbar machen. Ein Bau wird also zu der Seele über die Sinne sprechen. Für die Seele sind die Einen zuständig, für die Sinne die Anderen? Halten sich die Praktiker zu der sinnlichen Erscheinung, also zu Qualität und Quantität von Material und Konstruktion, so können die anderen beitragen mit Wahrnehmungen und Erfahrungen wie: wie wirkt ein kleiner, ein großer, runder, rechteckiger, mehrkantiger Raum, wie geht man auf guten Holzdielen, auf Stein, wie sind die Klangverhältnisse, sind Wärme, Licht? Ach – das sind auch sinnliche Wahrnehmungen? Ja, ein Bau ist in eine allem sinnliche Erscheinung, die seelisch-geistig wirkt, und zwar tief in den Menschen hinein.
Und hier entpuppt sich der Praktiker oft als ein sehr schwacher Theoretiker, denn die meisten Bauten sind heute gar nicht praktisch, sondern enthalten verdeckte Theorien übelster Art, die nur scheinbar sind, was sie vorgeben. Ein Bau muss also wahr sein in Material und Konstruktion, auch in dem was verdeckt ist, denn die Sinne der sich im Bau bewegenden Menschen nehmen alles wahr, auch Hohlräume, mangelnden Unterbau, billige Böden und Decken, nicht atmende Isolation. Ein Bau wirkt auf den ganzen Menschen als Lebensgefühl, nicht nur auf die Augen, vor allem bei Kindern. Demnach muss ein Schulbau den allerhöchsten Ansprüchen der Sinne genügen.
So könnte ein Schulbau anregend sein für das Bauen überhaupt. So wie ein Musikinstrument dem Klang dient, so ein Bau einer Funktion, ein Schulhaus einer pädagogischen solchen. Funktion ist aber Bewegung, Prozess. Keine Bewegung aber ist beweglicher als die der Kinder, kein Prozess empfindlicher als der der Erziehung. Und dennoch baut man diese seltsamen Einschachtelungen weiter, die ja ein geheimes System verbergen, wenn auch manchmal ästhetisch verbrämt. Das System ist das Massensystem, seine verborgene innere Ordnung eine Stufenleiter, von unten, der ersten Kasse, nach oben. Sieht man nicht, dass man da gleich eine Denkreise eingebaut hat, die eine neue Pädagogik überwinden sollte? Das Leben der Kinder ist rund, kreisförmig, kosmisch. Kinder lieben gewiss Leitern zum Klettern, aber keine gebauten gestaffelten Klassensysteme.
In einer neuen Pädagogik sollen nicht die Kinder sitzend angepasst werden, am wenigsten an verborgene Hierarchiesysteme. Neue Schulen sollten neue Ideen, neue Erfahrungen in das allgemeine Leben hinaustragen. Also müsste ein Schulbau so allgemein und wenig festgelegt sein, dass neue, unerwartete Entwicklungen sich darin frei gestalten können. Das Leben des Kindes ist rund oder sollte es werden, denn seine Lebensempfindung ist rund, kugelig. Man sollte dabei an eine vielfältig verwandelbare Wasser-, Luft-, Licht- oder Feuergestalt denken, Wolkenbildungen ähnlich. Auch die Gemeinschaft, das Soziale ist rund. Es gibt keine eckigen Gemeinschaften. Festgelegte Hierarchie oder Hackordnung hebt sie auf.
Schulbauten müssten dem Rechnung tragen, nicht unbedingt, indem sie solche Formen annehmen, sondern indem sie solche Gestaltbildungen ermöglichen und anregen. Das könnte so sein, dass ein Schulhaus oder eher vielleicht ein Schuldorf, eine Häuseransammlung, sich um den Raum herumgruppiert, der die ganze Gemeinschaft fasst. So wie ein finnischer Bauernhof zuerst die Sauna, den heiligen Ort der Reinigung und Begegnung, entstehen ließ, so wäre die Keimzelle einer Schule ein Raum, von dem die gemeinsame Bewegung ausgeht. So wie das alte griechische und römische Haus einen Innenraum, das Atrium, hatte, der den „genius loci“ beherbergte, so wäre dies der Ort des pädagogischen Gemeingeistes einer Schule. Dieser neuartige Saal könnte die Klassenräume so aus sich „entlassen“, wie er die in ihm tätig Versammelten entlässt. Klassenräume werden so funktionell anders liegen, als wenn die unbewusste Hackordnung herrscht, die einen Saal nur benutzt, um ihr Renommee zu erhöhen. Die Klassenräume werden Funktionsorgane und Glieder des gemeinsamen Arbeitssaales sein, wie das Einzelkind und die Klassengemeinschaften Glieder der ganzen Schulgemeinde sind. Das Aufsteigen von der ersten Klasse zur „obersten“ ist nur ein Aspekt. Gleichzeitig sind die Kleinen, eigentlich am meisten der Kindergarten, „oben“, nämlich am nächsten dem Himmel. Ein Kindergarten ließe sich ohne weiteres auf einem grünen Hügel vorstellen. Dass ein Aufsteigendes (mit dem Alter) einem Absteigenden begegnet (mit dem Herunterkommen auf die Erde), könnte baulich zum Ausdruck kommen, sollte aber allemale bedacht werden.
Manche Schulen nennen sich „frei“. Wie sieht ein freier Schulbau aus? Ein Schulbau kann nicht frei sein, dann müsste er fliegen können. Aber er sollte Freiheit ermöglichen. Demnach muss alles zurücktreten, was Entwicklung festlegt. Wiederum sind Musikinstrumente oder Kochtöpfe gute Vorbilder. Auch eine gut präparierte Leinwand lässt frei, was an Malerei darauf entsteht. So soll auch ein Bau sich zu dem verhalten, was Menschen darin tun wollen. Man möge nur sehr lebhaft die Stimmung, die Zielsetzung, den täglichen Prozess einer neuen Pädagogik vor das innere Auge und das innere Ohr heben. Man muss die Phantasie in Gang setzen, um, die Choreographie sozialer Bewegungsvorgänge wie eine Art inneren Tanz sich vorzustellen. Daraus ergeben sich räumliche Bewegungsbilder, die die Vorlage einer baulichen Gestaltung sein können. Nicht der Tanz soll dargestellt werden im Bau, sondern eine geräumige Bühne dafür. Jeder Bau ist von einer Denkweise geprägt. Der Schulbau einer neuen Pädagogik wird daran zu erkennen sein, dass er nicht prägt, sondern frei lässt, freie Entwicklung ermöglicht.
Wie kann er das am ehesten? Nicht durch einen festgelegten Stil irgendwelcher Richtung. Aber ein Bau muss doch aussehen, eine feste Form haben, damit auch einen Stil? Wie entgeht man dem Zwang eines vorgegebenen Stiles? Indem man nicht einen fertigen Bau plant und rasch von einer Firma ausführen lässt. Sondern indem man mit dem gemeinschaftlichen Bauen beginnt. Ein sozialer Zusammenhang wächst und entwickelt sich, nicht nur quantitativ. Der Bau ist seine ihm angemessene Schale. Will das Soziale wachsen, darf der Bau nicht nur größer werden, sondern er muss sich auch verändern können. Somit muss ein neues Bau-Denken entstehen, parallel dem pädagogischem Denken. Dieses Baudenken geht stufenweise vor, ähnlich der in der Zeit verlaufenden Arbeitsweise früherer Epochen. Man könnte so einen ersten Abschnitt bauen, groß, geräumig, gewissermaßen einen Werkstatt- oder Atelier-Roh-Bau. Das Material und die Konstruktion sollte von bester Qualität, einfach, überschaubar, durch und durch erlebbar sein. Seine Formen und Gestaltungen sollten undifferenziert und vielfach verwendbar sein. Man könnte sich eine Art Saal-Haus denken, beispielsweise ähnlich dem ostkarelischen Großfamilien-Bauernhaus. Dieses hatte mehrere Stockwerke mit einem von oben nach unten durchgehenden atriumartigen Innenraum. In den Stockwerken waren die Wohnräume, auf dem Boden des Innenraums lief das liebe Vieh, das durch seine Körperwärme gleichzeitig das Haus heizte. In den Stockwerken könnten Klassenräume sein, in der Mitte der gemeinsame Saal, verbunden mit den Klassen durch Treppen und Leitern, die arenenartig auch als Sitzgelegenheiten benutzt werden könnten.
Der Charakter des gewollt Unfertigen, das aber gleichwohl handfeste Benutzbarkeit wie eine gute Scheune, ein Bauernhaus, eine Werkstatt oder ein Atelier ausstrahlt, regt zum vielseitigen Arbeiten an. Ein Weiterbauen der Elternschaft und anderer, auch von Lehrern und älteren Kindern könnte von innen und außen den Bau erfüllen und mit einer praktischen Pädagogik Hand in Hand gehen. Ein nächster Bauabschnitt, Anbau, Umbau, Weiterbau, könnte dann kommen, wenn der erste so erfüllt und restlos durchdrungen ist und wirklich das Innere, die soziale Arbeit, das Äußere, die bauliche Schale, sprengen und erweitern will.
Ja, die Baubehörde… Wer sagt, dass nicht eine Baubehörde lernfähig ist, wie es viele Schulbehörden bereits sind? Man muss nur selbst einsehen, was an sozialen Kräften durch ein solches neues Bauhütten-Prinzip frei werden könnte. Das heißt: muss nur wollen.
Im Bauen drückt sich immer ein Wollen aus. Es muss heute, zumal in einer neue Wege suchenden Pädagogik, ein von allen getragenes, gemeinsames Wollen sein.