Können Sie denken?
Ein denkwürdiges Gespräch
Der Frager
der Gehirnforscher
F.: Herr Gehirnforscher, können Sie denken?
G.: Aber bitteschön, ich bin doch Naturwissenschaftler!
F.: Gut, dann will ich einige Fragen an Sie stellen, worüber ich mir selber Gedanken mache. Also: Wie kommt es beispielsweise, dass sie ihre Hand ausstrecken können, um mich zu begrüssen?
G.: Das ist mein Gehirn, wodurch meine Hand bewegt wird.
F.: Gut. Aber woher weiss ihr Gehirn, dass es die Hand gerade so und in dem Augenblick au sstreckt, wo auch ich Ihnen meine Hand zur Begrüssung reiche?
G.: Nun, durch die Evolution hat sich das Gehirn so programmiert, dass es diesen Zusammenhang erkennt und mit dieser Bewegung darauf antwortet.
F.: Demnach gehen sie davon aus, dass das Gehirn, also das Zentralnervensystem eine Art biologischer Computer ist, der sich selbst im Laufe der Entwicklung seit dem Urknall, denn diesen werden Sie, wie alle Naturwissenschaftler heute, voraussetzen, selbst programmiert hat.
G.: Ja, vereinfacht gesagt, könnte man das so beschreiben.
F.: Zu einem Computer, also zu einem elektronischen Rechner, gehören ja zwei Komponenten, wie man das heute nennt hardware und software, also der biologische Rechner des zentralen Nervensystems und das in ihm gespeicherte Programm.
G.: Auch das muss man logischerweise so sehen.
F.: Nun nehmen wir an, sie stehen am Ufer eines Gewässers. Sie hören einen Schrei, einen Hilferuf und entdecken in der Nähe ein kleines Kind, das am Ertrinken ist. Sie eilen an den Ort, beugen sich, haben das Glück, dieses Kind an der ausgestreckten Hand zu ergreifen, ziehen es heraus und retten es. Vom biologischen Rechner aus betrachtet, also von der organischen hardware und dem nun so rasch Ihrem Körper die Bewegungsimpulse gebenden Programm, also der software ihres Gehirns aus, stellt sich doch die Frage, wie und wann sich letztere selbst so programmiert hat, dass sie so unmittelbar die sinnvollen Handlungen ausführte, die in dieser Art genau so und noch niemals zuvor diesem sich selbst programmierenden Rechner, also Ihnen, wenn man so sagen darf, vor die Augen gekommen ist.
G.: Nun, da ja feststeht, dass das Gehirn nichts anderes sein kann, als ein sich selbst steuernder biologischer Rechner, so muss ich hypothetisch annehmen, dass dieser Rechner evolutionär sich so weit entwickelt hat, dass er im Augenblick einer unerwarteten Handlungsnotwendigkeit imstande ist, sich unmittelbar zeitgleich auf die anstehende Situation einzustellen und selber neu zu programmieren.
F.: Gut, gehen wir weiter. Ich nehme an, Sie kennen die Kulturgeschichte. Nehmen wir die Zeitepoche der Renaissance in Florenz. Innerhalb einer bestimmten Zeitepoche kommen hunderte, ja tausende Menschen durch Geburt und Zuwanderung in dieser Stadt zusammen und bilden auf den allerverschiedensten Gebieten eine Kultur aus, die ineinander verschränkte und verwobene, höchst komplizierte, aber in sich zusammenstimmende Ideen, Handlungsweisen, Sehnsüchte, Triebe und so weiter haben, welche sich im Rückblick als das kulturelle und herausragende Gesamtgebilde der Florentiner Renaissance beschreiben lassen. Es müssten sich also während der Evolution, beginnend mit dem Nichts, das vor dem Urknall nach heutiger Auffassung vorhanden war, nach vielen Vorläufen sich die organische hardware der dort vorhandenen menschlichen zentralen Nervensysteme und die organgleich zu diesen gehörende software mitsamt ihren unzähligen individuellen Programmen genau in dieser Zeitphase und miteinander korrespondierend und zusammenstimmend ausgebildet haben, um das auch für uns heute kaum in seiner Vielfalt zu überschauende Kulturgebilde der Florentiner Renaissance, zu der unter anderem die Platonische Akademie des Lorenzo il magnifico, die Kunst Michelangelos und Raffaels, die religiöse Revolution des Savonarola und unzähliges andere gehören, zustande zu bringen. Wie ist das naturwissenschaftlich denk- und erklärbar?
G.: Entschuldigen Sie bitte, das ist mir im Augenblick zu kompliziert. Ich kann unmittelbar darauf nicht antworten. Ja, ich glaube, ich werde ohnmächtig!
F.: Erlauben Sie mir die letzte Frage: sind Sie es oder ist es Ihr Rechner, der nicht darauf programmiert ist, diese Fragen zu beantworten?
Man hört einen Aufschlag. Stille.
F.: Hallo! Hören Sie mich? Offensichtlich ist bei ihm der Strom ausgefallen! Oder der Rechner ist abgestürzt! Einen Informatiker rufen, bitte!