Eine mögliche Kallias-Übung.
Um der Qualität einer Übung im Sinne des Urphänomens der schillerschen Kallias-Briefe gerecht zu werden, muss sie die Auflösung des Gegensatzes – „Behaupte deinen Willen, schone den Willen des und der anderen“ – in Gestalt einer gemeinsamen Bewegung Guten Willens zur Folge haben.
Damit diese Bewegung künstlerisch genannt werden kann, muss sie einen spielerisch aus der Situation entstehenden tänzerisch-musikalischen Charakter bekommen. So könnte man, wenn eine Tür zwischen zwei genügend grossen Räumen den Rahmen bildet, auf einfachste Weise Übungen entstehen zu lassen. (Sinnvollerweise hängt man die Tür, wenn möglich, dabei aus).
Man könnte beginnen damit, dass eine Reihe von Menschen, anfänglich zwei oder drei, probeweise und abtastend im gewöhnlichen Sinn, zunächst jeweils alleine, dann nach Empfinden nacheinander, dann von beiden Seiten, wechselweise und sich locker begegnend durch die Tür gehen, jedoch immer mehr auch den unerbittlich feststehenden Rahmen abspürend und die willigen Mitwirkenden, vielleicht sogar dann mit leichtem freundschaftlichem Berühren der Schultern.
Man könnte eine Pause machen, sich in den gleichsam kindlichen Wahrnehmungen austauschen, ohne in Diskussionen zu geraten, die das Erleben stören. Der künstlerische Sinn ist dem des Kindes ähnlich.
Aus den gewonnenen Erfahrungen könnte man zum Beispiel versuchen, paarweise zu gehen, so, wie es die Weite der Tür erlaubt, dicht nebeneinander oder nacheinander, wobei das Zusammenspiel abzuspüren ist.
Dann eventuell zwei Paare gegenläufig kommend von beiden Seiten, wobei man die entstehenden „Verdichtungen“ (ohne Berührung) nicht als Schwierigkeiten nimmt, sondern gleichsam als plastische Wärmeelemente in einem musikalischen Fluss, die nicht hindern, sondern Gelegenheit geben, im friedlichen Durchsetzen des eigenen Willens und im Nachgeben eine Steigerung des einfachen Gehens zu erleben.
Aus der Situation ergibt sich, dass die Füsse leicht werden und die Hände eine spürende und führende Aufgabe bekommen. Ohne Humor und den Guten Willen, das zeigt sich, gelingt nichts. Wichtig ist, dass der Humor nicht „lustig“ wird, sondern den Ernst der Aufgabe nicht schwächt, sondern, im Gegenteil, ihn weckt und stärkt.
Das musikalische Element, das zunächst unhörbar, nur empfindbar war, könnte in eine leises, abspürendes Summen und Tönen übergehen, je nach Empfindung und immer im Wahrnehmen des gemeinsamen Geschehens. Gut wäre, wenn ein pulsierendes Element entstehen könnte, von der Weite durch die Enge in die Weite und zurück.
Einer oder Eine, die dabei sind, spürt vielleicht, dass sie selber nun ein wenig leiten könnten und man einander durch leichte Zurufe auf nächste Schritte aufmerksam macht.
Immer wieder kleine Pausen des handwerklichen Austauschens. Die Räume müssten so gross sein, dass das polare Gefühl des Gegensatzes von Enge und Erweiterung entstehen kann, gleich einer grossen Sanduhr etwa.
Jemand könnte nun, ebenfalls spielerisch und mit den anderen mitempfindend, eine Art Choreografie, ein kleines Kunstwerk daraus zu gestalten, ja warum nicht, indem ein Teilnehmer daneben mit einem Instrument improvisiert, am besten mit einer Geige oder Flöte.
Alle werden allmählich das Empfinden der anderen aufnehmen, so dass ein künstlerisch-handwerklicher Gemeinsinn entsteht.
Und so, in aller Leichtigkeit, der tiefe Ernst des schillerschen Urerlebnisses deutlich wird, wo Menschen, die des Guten Willens sind, etwas gemeinsam erzeugen, was sonst in der Welt zunehmend nur Streit, ja letztlich Krieg bewirkt, dann, wenn die radikale Durchsetzung eines Willens einseitig zu Gewalt und das Nachgeben zu Unterlegenheit, Hoffnungslosigkeit und Opferung von anderen wird.
Eine solche, im schillerschen Sinne ernsthaft spielende Übung, die nichts anderes ist und sein will, als das, was alle in ihr durch ihr Handeln in Gemeinsamkeit durchschaubar erleben, zeigt modellhaft, wie im Alltag, wenn wir offen und wach dafür wären, die Möglichkeiten einer zukünftigen Sozialen Kunst, die, so wie Schiller sie voraussah, überall verborgen sind und sich offenbaren wollen dem und denen, die den Sinn dafür allmählich in sich wecken.
Das kann gehen bis hinein in unvermittelte Katastrophen und Krisensituationen, wie ich sie selber erlebte beispielsweise bei dem gewagten, aber friedlichen endenden Tanzfest 1989 in Tallinn, der Hauptstadt Estlands, angesichts kampfbereiter sowjetischer Elite-Einheiten in der Nähe, und in der damaligen „Singenden Revolution“ im Baltikum als Ganzes, die ich allerdings nur von Zeugen kenne, die daran teilgenommen haben.
Ist doch die Tür und das gemeinsame Hindurchgehen ein Bild für unsere Zukunft.
Nachwort.
Sollte eine Gruppe Menschen irgendwo in der Welt sich zu diesem Versuch, der vieler Geduld, viel des Guten Willens und vor allem vieler Zeit bedarf, entschliessen, so wäre die dazu notwendige Gleichheit und Freiheit aller Beteiligten erst dann gewährleistet, wenn die gesamte hier vorliegende Beschreibung, so wie sie ist, -gleichsam als ein Gruss von mir, der die Kallias Schule begründet hat, – vorgelesen und zur Kenntnis gebracht wird, so, damit jeder und alle zuvor gemeinsam ein Bild mit den dazu gehörenden Empfindungen entwickeln können, was zum freien Entschluss des Übens dazu gehört.
Wie diese, hat jede Übung im Sinne des Kallias-Urbildes von Schiller so viele Perspektiven wie es die Menschen gibt, die ihre Entstehung bewirken. Bevorzugt man einen Gesichtspunkt, so entzieht man ihr die Grundlage als Sozialer Kunst, vor der alle Menschen gleich sind.
Sie soll als soziale Kunst gemeinsam und frei entstehen durch alle beteiligten Menschen im Sinne von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, gerne auch in Erinnerung an die ursprüngliche Schweizer Eidgenossenschaft und die nordischen Wikinger, die in diesem Geist in Freude und Not gehandelt haben.
So gesehen könnte diese Übung auch als eine Gestalt des Allgemeinen Problem- oder Hermesschlüssels erlebt werden, siehe dort.
Juli 2026