Ausgehend von der realen Tatsache, dass man handwerkliche, praktische Fähigkeiten im Leben erprobt und geübt und man sich abgewöhnt hat, mit irgendwelchen pädagogischen Absichten den Kindern gegenüberzutreten, bereitet man sich jeden Tag darauf vor, welche echten, sinnvollen und handgerechten Arbeiten man neben und mit den Kindern auszuführen bereit ist.
Den Kindergarten als eine Lebenswerkstatt zu gestalten, der genau so viel als Anregung für die Erwachsenen bedeutet, wie für die Kinder, ist die Grundvoraussetzung, sollen die Kinder echte Vorbilder für ihre Nachahmung haben, die für deren späteres Leben die Grundlage bilden.
Nicht Pädagogen sollen die Kinder erleben, die ständig mit guten und vorher festgelegten Absichten den Kindern gegenübertreten, sondern individuelle Frauen und Männer, die im vollen Leben stehen und, mit allen Unvollkommenheiten, auch in ihrer eigenen Entwicklung voranstreben.
In der täglichen Situation aus dem zu handeln, was Steiner die Moralische Fantasie nennt, und alles gemeinsam Sinnvolle, seien es Malen, Singen, Tanzen, die Eurythmie, das Märchenerzählen nicht als Plan, sondern gleichsam als eine Farbpalette eines Malers in Bereitschaft zu haben, so wie es die augenblickliche Gegebenheit erfordert, das bewirkt das Mitwirken der Mächte, die das Kind geistig begleiten und die uns ständig Winke geben wollen.
Denn nicht wir sollen die Kinder „erziehen“, sondern die Individualitäten wollen und sollen sich selber erziehen mit Hilfe der geistigen Mächte, die das Kind begleiten, und mit unserer Geburtshilfe.
Und nie wird bedacht, dass die „Grundausbildung“ dazu für jeden Menschen in dessen eigener Kindheit liegt!
Erst wenn der spätere Erzieher zutiefst und wahrhaftig sich seiner eigenen Kindheit in vielen Einzelheiten empfindend bewusst wird und er somit ein vorangehender Genosse des Kindes wird, kann er wirklich und in der Tiefe von den Individualitäten anerkannt und angenommen werden von denen, die ja nur vorübergehend jetzt Kinder sind, und durch deren Augen, wenn wir es denn sehen wollen, schon der und die herausschauen, die sehr bald, -wie ich es gerade wieder erlebe nach all den langen Jahren in unserem Bienenkorb , -uns als Jugendliche und demnächst als Erwachsene entgegentreten.
Als Kind war man echt, man war sich selbst, mit allen Freuden und Leiden. Daran anzuschliessen, als ein nun erwachsenes Kind, das ist die Zukunft, und damit all das Angehäufte, Alte, was sich als „Pädagogik“ angesammelt hat und damit auch eine „Ausbildung“, – die eigentlich, wie sie heute geschieht, nur eine Einbildung ist, – endgültig loszulassen, – das ist das einzig Kindgerechte, nun, im letzten Augenblick der Weltentwicklung, wo Individualitäten vor uns stehen, die das jetzt kommende Chaos bewältigen und gestalten sollen.
Eine grundlegende tägliche strenge Übung sollte sein, sich nach der Arbeit kurz Notizen zu machen, sich auf einzelne Ereignisse besinnen, Besonderheiten, Fragwürdiges in jeder Beziehung, Empfindungen, Gedankenansätze, kleine Wahrnehmungen und so weiter, vor allem scheinbar Unwesentliches, was sich oft dann als wesentlich erweist, wenn wir die Notizen später nochmals und immer wieder durchgehen.
Das Notizenschreiben, das dann zu einem Arbeitsbericht wird, ist wie ein Fischernetz, das auffängt, was im täglichen Strom des Entgegenkommenden neu ist oder neu wird, wenn wir es beachten und aufnehmen. Das Kind lebt in diesem Strom des ständig Entgegenkommenden, dem eigentlich Zukünftigen, wie auch Rudolf Steiner es beschreibt.
Im Notizenschreiben geschieht unversehens und spürbar eine Weiterbildung, durch die geistigen Mächte, die uns täglich begleiten und sich darin abspiegeln, wenn wir sie endlich anzunehmen bereit sind.
Zu einer Werkstatt gehört ein Arbeits- und Tagesplan, der einen Rahmen abgibt für die eigentliche Tätigkeit, die jeden Tag neue und andersartige individuelle Situationen bewirkt.
Beginn, Ende, Zeiten des Drinnenseins, des Seins in der Natur, Essenszeiten, alles gestaltet nach der sich ständig weiterentwickelnden Lebenswerkstatt. Gerade das scheinbar Unvollkommene, Ungeplante und Überraschende ist wesentlich und wie man damit umgeht, denn gerade das brauchen die Kinder für das kommende stürmische Leben als Erinnerung.
Märchen sind wichtig, aber erst dann für die Kinder echt und wahrhaftig, wenn wir sie auch für uns als Lebensbilder ernst nehmen, so wie sie ursprünglich auch gemeint waren. Noch vor nicht allzu langer Zeit gab es Gegenden in der Welt, wo noch Erwachsene sich Märchen erzählten, so in Ungarn und in der Türkei, sogar Soldaten in Ruhepausen. Gerade die Märchen von Grimm sind Kulturinhalte, für uns alle, und jetzt bedroht.
Im gemeinsamen Austausch unter denen, die täglich stimmig zusammenwirken, ganz spontan, unkritisch, freundschaftlich, voneinander willig lernend, nicht nur in Konferenzen, sondern gleichsam im Vorbeigehen, nicht während, sondern nach der Arbeit, kann ein gemeinsames Feld entstehen, ein Acker der Gemeinsamkeit, auf dem vieles wachsen kann, dann, wenn Freiheit, Gleichheit und Bruder- und Schwesterlichkeit angestrebt werden, wenn alles Besserwissen, alles intellektuelle Diskutieren verschwindet, in dem gemeinsamen Empfinden, das sich aus dem Vorbild der Kinder ergibt.
Fände man verwandte Initiativen, so wäre ein regelmässiger Austausch in gewissen Abständen sinnvoll, um im Verwandten und im Andersartigen gegenseitige Anregung und auch notwendige Korrektur zu erhalten. Darin allein zeigte sich das, was Steiner das Freie Geistesleben nennt!
Doch vorbildlich für die Kinder wird alles nur dann, wenn wir ernsthaft und wirklich von den Kindern lernen, das lernen, was aus ihnen spricht als das Zukünftige, das sie als Aufgabe in sich tragen.
Wenn wir demütig so mit und um die Kinder das empfindend erleben wollen, was ihre Botschaften sind und worin die Engel wirken, können wir denen vorausgehen, die ja eigentlich uns vorausgehen.
August 2026