Da jeder Mensch ein Kind war, weiß er, oder müsste er wissen, dass er in Wirklichkeit von innen her kein kleines Kind war, sondern er ein zwar zunächst kaum greifbares, aber umfassendes und grenzenloses und zugleich altersloses Bewusstsein hatte. Es weiß oder müsste wissen, wenn er es eben nicht vergessen hätte, dass er jeden ihm begegnenden Menschen durchschaut hatte, dass er spürte, ob jemand gut oder böse war, ob etwas bekömmlich oder unbekömmlich für ihn war.
Doch allmählich begann er zu ahnen, dass die Grossen ihn als Kleinen sahen und vor allem, dass sie ihm Dinge einreden wollten, die nicht stimmten. Nicht weil man in dieser Zeit wirklich glaubte, was die Grossen sagten, sondern weil man nachgab und dem folgte, was eben verlangt wurde, vor allem, weil man bestimmte Menschen liebte, nahm man ihnen ab, was sie einem gaben.
Doch man spürte allmählich, dass man wegkam von dem, was man in dem grossen umfassenden Bewusstsein schon als das Eigene besass und das man ja selber war und werden wollte.
Nur wenn man das Glück hatte, einem Menschen zu begegnen, gar noch manch anderen, der oder die einen erkannten, das heisst, die durch die äussere Kleinheit, die man annehmen musste, die eigentliche Grösse sahen, ja vielleicht erschauten und einem das als Bild und Wärme zurückgaben, was man wirklich war, nur dann vermochte man sich selbst und sein Eigentliches durchzutragen durch die unablässigen Versuche der meisten Erwachsenen, die ihre eigene Kindheit vergessen hatten, einen zuerst klein, zwar lieb, aber noch so dumm zu machen, bevor man dann klug und brav werden sollte auf ihre Art.
Jeder Mensch kennt, was ich eben beschrieb. Warum besteht Ausbildung von Pädagogen nicht zuerst darin, sich seiner eigenen Kindheit in vielen unvergesslichen Einzelheiten zu vergewissern, damit sie aus ihrer eigenen, meist bitteren Erfahrung lernen, Kinder zu dem zu erziehen, was sie von Anfang an sind und aus sich selber werden sollen und wollen?
Wer im so genannten hohen Alter sich seiner Kindheit zu vergewissern vermag, wie es mir doch durch mein Schicksal gegeben ist, in allem Glück und Unglück der Kindheit, und wem es dazu vergönnt ist, durch seine täglichen Arbeit mit den Kindern sich von ihnen prüfen zu lassen, der hat beides zur Hand: das was in ihm und in den Kindern unablässig im Werden war und ist und das was bei ihm durch die langen Jahre daraus geworden ist.
Er sieht täglich mit Klarheit dies: das Kind ist in einem unendlich grossen Umkreis, der Grenzen nur da bekommt, wo irdische Erfahrung eintritt, die, wenn es gut geht, das bestätigt, was aus dem Umkreis heranweht und somit vom Himmel her bekannt ist.
So fühlt das Kind sich gross und weit, und verkleinert sich innerlich durch die von aussen kommenden Erfahrungen, wenn es gut geht, zu einem selbstbestimmenden Menschen.
Der Erwachsene jedoch, meist ahnungslos und absichtsvoll in der begrenzten Kugel seines Kopfbewusstseins ruhend, lässt ihn sich gross und die Kinder klein erscheinen, weil er nur ihre kleinen Körper sieht. So will er sie gross machen und macht sie dadurch in ihrem Willen und in ihrer Herkunft kleiner und kleiner, wie gut auch immer seine Absichten sein mögen.
Suchte er doch den Zugang zu der Grösse und Weite, die er selbst einst im Beginn seines Lebens besass, dann würde er den Kindern als ein ihnen Verwandter begegnen, und sie würden ihn darin als einen helfenden Genossen wiedererkennen. Und dann gemeinsam, im ständigen Austausch von Erfahrungen unter Gleichen, himmlischen und irdischen, würde das entstehen, was als wechselndes Führen und Geführtwerden als die eigentliche Pädagogik genannt werden könnte, aus der Anschauung heraus, die uns die geistige Wirklichkeit gibt, wenn wir aufmerksam sind.
Man kommt nicht jung
auf die Welt und wird allmählich älter,
sondern umgekehrt:
Anfänglich fühlt man sich uralt
und erst viel später jung.
Es gibt, von innen gefühlt, gar keine Kinder;
das „Kind“ ist eine Erdichtung
der Erwachsenen.
Carl Spitteler (1845-1924)