Werner Kuhfuss hat 37 kleine Essays zusammengetragen: Essenzen seines pädagogischen Denkens und seiner an die Wurzeln gehenden Fragestellungen, Erfahrungsschätze aus eigenem Handeln in jahrzehntelanger pädagogischer Arbeit, gegliedert in drei Themenbereiche: Grundsätzliches – Kindergarten – Schule.

Die Quelle aller Pädagogik ist das Kind, Werner Kuhfuss, 2026
Mit einem Geleitwort von Mathias Maurer
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Geleitwort
von Mathias Maurer
Was begegnet uns mit dem vorliegenden Büchlein? Ein bunter Strauß an über 30 Essays, der sich in drei Gruppen gliedern lässt: (1) Grundsätzliches zu Bildung, Pädagogik, Gesellschaft und Kultur, (2) zum kindlichen Spiel, zum Kindergarten und zur Schulreife und (3) zu schulischen Themen – dazwischen philosophisch-anthroposophische Flüge genauso wenig vermeidend wie konkrete Beispiele und Beobachtungen aus einem langen Lebenswerk eines Kindheitsforschers und -pädagogen. Die Fülle seiner Zugänge und Themen lässt sich hier nur beispielhaft, die Signatur und Diktion des Autors erfassend, charakterisieren.
Werner Kuhfuss ist über 90 Jahre alt und man könnte meinen, dass sein bewegungsorientierter bzw. sozialkünstlerischer pädagogischer Ansatz ihm die Kindheitskräfte zugespielt hat, noch bis ins hohe Alter produktiv sein zu können. Sich auf ihn einlassen zu können, setzt die Bereitschaft voraus, mit einer gewissen Radikalität im Urteil, spielerischen Freiheit und robusten Konkretheit umgehen oder sie gar schätzen zu können, da sie jenseits eines smarten, opportunen und wissenschaftlich-empirisch gesicherten Mainstream-Pragmatismus liegen. Sie speisen sich vielmehr aus einem seelischen Bedürfnis, dem Kind und dem Kindsein durch eine hohe Wahrnehmungssensibilität in allen seinen Schichten seiner Erdenzukunft und Himmelsherkunft gerecht werden zu wollen. Entsprechend scheiden sich über das Tun und Werk von Kuhfuss die Geister: Eine grenzüberschreitende Anhängerschaft steht seit vielen Jahren hinter ihm, kein größerer anthroposophischer Verlag editierte seine Schriften. Um so wichtiger, dass weitere Schriften von Kuhfuss nun von der edition zwischentöne herausgegeben und der Nachwelt erhalten sein werden.
Das weite Spektrum seiner Themen entfaltet sich vor dem Hintergrund seiner Hauptinspiratoren Rudolf Steiner und Friedrich Schiller und seiner Weg- und Spielbegleiter Julius Knierim, Frits Julius, Pär Ahlbom, Theodor Schwenk und so manche Unbekannte. Die gesellschaftspolitischen, sozialkritischen Aspekte der Pädagogik liegen ihm – ähnlich einem Henning Köhler – so nah, wie die bunten Glasscherben im Bach, die die kindliche Phantasie anregen. Überhaupt schaut er zum „belehrten“ Kinde auf, wie er in die Untiefen der Gegenwartskultur blickt. Nicht zuletzt wies Steiner auf die innere Affinität der Alten und der Jungen hin – sie scheint hier fruchtbar praktiziert worden zu sein.
Die beispielhafte Schilderung, wie ein Kindergarten wirklich kindgerecht eingerichtet werden sollte: Eine „Bauhütte des Lebens“ soll sie sein. An diesem Motiv werden die pädagogischen Intentionen von Kuhfuss sichtbar und konkret – immer aus den irdisch-kosmischen Bedürfnissen der Kinder und aus ihrer Perspektive gegriffen. Zuerst: Die Elemente dürfen nicht fehlen: Feuer, Wasser, Erde, Luft und Licht. Dann: Die Erwachsenen um die Kinder sollten „wirklich“ arbeiten, in Werkstätten und Küchen. Es braucht ein Oben mit Licht und ein Unten mit Dunkel usw. Ja, jedes Kind braucht ein Dorf sinnvoll tätiger, geistvoll tätiger Menschen um sich herum, um gesund aufwachsen zu können, um in seinen Leib und seine Sinne zu kommen. Es braucht einen Bau um sich herum, der mit seinem werdenden Bau resonieren kann. Deshalb braucht es nicht das Fertige, sondern das Unfertige, das zum Weiterbauen Einladende.
Dass eine gesunde Leib- und Sinnesbildung in einer von KI-gesteuerten und durchdigitalisierten Welt immer dringlicher wird, um überhaupt noch eine gesunde Grundlage für die Ausbildung der höheren Sinne abgeben zu können, dokumentieren die zahlreichen neueren Studien über die physische und psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen, die uns zunehmend Sorgen machen und nach Systemveränderung rufen.
Und Kuhfuss ist ein solcher Systemsprenger, ein Revolutionär, der quer zu etablierten Systemen – und seien sie auch noch so erfolgreich – steht. Systeme seien dem Untergang geweiht, wenn sie die Zukunftsimpulse, die die Kinder aus der geistigen Welt mitbringen, nicht erkennen und aufgreifen. Kuhfuss scheut in seinen Beschreibungen keine apokalyptischen Vergleiche. Für das System „Erziehung“, „Kindergarten“, „Schule“ bedeutet das: Die Kinder sind uns voraus und das System erzieht sie rückwärts, wenn der Pädagoge nicht mitzieht. Kuhfuss geht es hierbei nicht um einen Dualismus von (systemischer) Ordnung und (individuellem) Chaos, sondern um den Erhalt menschlicher (und künstlerischer) Gestaltungsfähigkeit innerhalb dieser Pole, wie sie im sogenannten Motto der Sozialethik von Steiner formuliert ist: „Heilsam ist nur, wenn im Spiegel der Menschenseele sich bildet die ganze Gemeinschaft, und in der Gemeinschaft lebet der Einzelseele Kraft.“ Für eine wirklich freie Schule bedeutet das – so Kuhfuss in dem Beitrag „Krieg und Frieden oder Auf welche Zukunft bereitet die Waldorfpädagogik die Kinder vor?“ –, dass „der selbstlose Wille der Erwachsenen eine Hülle schafft, in welcher die Kinder gleichsam noch einmal geboren werden können“. Eine Zeitforderung, wie sie aktueller nicht sein kann.
Wie sähe ein soziales Organ aus, das Gesundheit schafft? Ein Organ, das die Menschen mit Kraft und Mut erfüllt, statt sie auszuzehren oder zum Schweigen zu bringen? – Es wäre ein Organ, das den künstlerischen Sinn ausbildet, der in uns die Spielfreude, den Humor und die Leichte weckt, den Tanz, den Gesang und das Handwerk pflegt – und damit wäre man auch den Kindern nahe. Das macht die Schule kinderreif und die Kinder schulreif.
In jedem Essay wird der Leser etwas finden, an dem er sich stoßen mag. Es ist zu wünschen, dass es ihn nach vorne stößt. Manche Gedankenbildung ist derart originell, die Miniatur erfasst und ins Große gestellt und wieder zurückgeführt, wie der Grundton dieser Texte vom Blick des Autors auf das Kindsein geprägt ist und wie sich eben ein Kind in der Welt erlebt: immer existenziell betroffen.