Wenn man das Leben auf sich wirken lässt, so kann man Schätze darin entdecken, sogar Methoden, die das Leben anbietet und die man nur zu ergreifen braucht. So die kollegiale Wert-Schätzung, so nennen wir das, was wir urbildlich im Umgang von Schiller und Goethe anzuschauen vermögen (*), was aber überall da auftaucht, wo Menschen mit einander zu tun haben. Auch im Umgang mit Kindern. Denn Kinder sind ja auch Menschen wie Du und Ich, vielleicht noch mehr sogar.
Ein Weg, sich das deutlich zu machen, so dass man loskommt von dem, was man äusserlich sieht, eben kleine Kinder, die noch keine Erwachsenen, also noch nicht vernünftig sind, ist folgender: man stelle sich einen Menschen vor, den man seit langen Jahren und gut kennt, dass der plötzlich verschwände. Man sucht und sucht ihn und leidet unter dem Verlust. Und dann findet man ihn wieder in einem Krankenhaus, vielleicht durch einen schweren Unfall verletzt und daran gehindert, sich so zu äussern, wie wir ihn kannten. Über den Schmerz und die Behinderungen hinaus werden wir froh sein, so zu ihm sprechen können, wie wir ihn kannten. Als einen vernünftigen, verstehenden Menschen, eben als den, mit dem wir in aller Wertschätzung umgingen.
Das was wir äusserlich sehen, wird uns das nicht nehmen, was uns innerlich mit ihm verbindet. Stellen wir uns nun aber vor, dieser Mensch würde, nachdem er eine Weile verschwunden ist, uns entgegen kommen als Kind. Und wir wüssten genau, ja es ist dieser Mensch, den wir kannten und schätzten. Nach dem Schock über die Verwandlung, denn auch hier wäre es einer, wären wir in der merkwürdigen Lage, mit ihm uns verständigen zu wollen auf die gewohnte Weise und unmittelbar erleben, dass das so nicht geht. Wir würden merken, dass er zwar fühlt, uns zu kennen oder es aus der Tiefe als Ahnung auftaucht. Aber auch er, dieser Kind gewordene Freund, wüsste nicht, wie er uns diese Ahnung mitzuteilen hätte.
Nun müssten wir Wege suchen und finden, ihm und uns und unserem Verhältnis gerecht werden. Wir würden spüren, dass wir ihn nicht durch Herabneigen zu erniedrigen hätten, nur weil er jetzt als kleines Kind erscheint, weil wir ihn ja als einen selbständigen, freien Menschen kannten. So aber müssen wir uns alle Kinder vorstellen, ja uns selbst, wie wir einst waren: man hat uns für dumm gehalten und auf uns eingeredet, und wir wussten es allemale besser! Allmählich haben wir uns daran gewöhnt, als Kinder behandelt zu werden, waren wir doch Weise und Uralte nur im Gewand der Kindlichkeit! Wir nahmen das merkwürdige Verhalten der Grossen hin, so wie ein Behinderter oder einer mit einer anderen Hautfarbe es auch hinnimmt, dass die anderen nur von aussen, also falsch wahrnehmen.
Ja, solche behindernde Kindheit kann zur allgemeinen Gewohnheit werden und sogar den Namen Pädagogik erhalten! Und man wird dann dumm, um den Grossen, die man liebt, einen Gefallen zu tun. Wer jedoch diese Lehren aus seiner eigenen Kindheit gezogen hat, der wird anders handeln. Er wird die Genossen, auch wenn sie noch so klein scheinen, als Mitmenschen sehen, bei denen man nun das zu umgehen hat, was trügerisch für die Augen ist, die äussere Erscheinung des Kindseins. Er wird den Anschein durchdringen und zur Weisheit vorstossen, die ihm entgegen tritt. Und er wird nicht Dummheit belehren, sondern Weisheit bitten, sich so zu äussern, damit ein Wechselgespräch im Zeichen der menschlichen Gleichheit entsteht.
Versucht es nur, und es wird sich jeweils die Methode offenbaren, wie dieses austauschende Gespräch sich Schritt für Schritt, also methodisch entwickelt. Dazu braucht es zunächst nichts anderes als höchsten Respekt und ehrliche Aufmerksamkeit (und im Hintergrund die Bruderschaft einstiger und eigener, im Voraus erlittener gemeinsamer Erfahrungen!). Das Ganze aber braucht Zeit, viel Zeit und Geduld. Es ist, wie einen Samen säen, aber nun nicht in die Erde, sondern in diesen Menschen, der uns klein erscheint, aber in Wirklichkeit so gross ist, wie er sich innerlich fühlt, wie auch wir uns gefühlt haben, wie wir als Kleine behandelt wurden. Der Same, der da aufgehen und wachsen soll, heisst Vertrauen. Es ist ein gegenseitiges Vertrauen, denn was in das Kind gesät wird, wird ja auch zugleich in uns gesät, denn was wir nach aussen tun, geht ja auch in uns hinein.
Was aber enthält dieses Vertrauen? Es enthält die Hoffnung, dass durch das kleine Körperchen sich das Grosse der Individualität allmählich so zeigen will, wie durch einen Wolkenschleier die Sonne. Das Kind ist gross, aber es hat noch kein Handwerk, wie es mit seiner Grösse und Weisheit umgeht. Darin ist es wirklich noch dumm, wie Adam im Paradies, weil es die Handhabung noch nicht kennt, wie umzugehen ist mit dem mitgebrachten Inneren im Verhältnis zum Äusseren der Welt.
Nun ist hier die ganze Zeit die Rede von einem Austausch zwischen Menschen, kleinen und grossen. Eine Polarität entsteht, die überbrückt werden will, ein Gegensatz, der die Überwindung sucht. Die Erniedrigung des einen, der zunächst der Unterlegene sein könnte, indem wir ihn nach alter Weise von oben herab „pädagogisch“ behandeln, ist in der modernen Zeit kein berechtigter Weg mehr.
Doch gilt es das Stadium des Kindseins zu respektieren, es gilt, den Weg zurück zu gehen in die Bewusstseinszustände des Kindes, die noch näher an der Unschuld, näher am Paradies beheimatet sind. Für jedes Kind gilt immer die unbedingte Unschuldsvermutung. Also geht es darum, eine Art des Umganges zu finden, die beides bedenkt: die noch unbekannte Reife und Weisheit dieses äusserlich kleinen Wesens, zu dem wir nach oben aufschauen und das uns von unten anzuschauen vermag, dass wir es über uns erleben. Und zum anderen die unschuldige Schutzlosigkeit dieses Wesens, das sich in aller Weisheit und Fülle noch nicht selbst zu führen vermag.
Wir haben es sozusagen mit einer umgekehrten Behinderung zu tun: nicht eine Unvollkommenheit, ein Bruch in Leib und Leben hindert diesen Mitmenschen daran, sich selbst verantwortlich zu führen, sondern eine keimhafte Vollkommenheit, die erst durch freie Entfaltung zur Selbstbestimmung gelangen wird. Diese zu schützen und zu stärken ist unsere Aufgabe. Um in dieser Aufgabe nicht bestimmend im Wege zu stehen, bleibt nur das genossenschaftliche Nebeneinander, das alle Überlegenheit ausschliesst. Also geht ein Genosse neben dem anderen. Der eine führt, weil er Lebenserfahrung hat. Der andere darf immer wieder führen, weil er die neuere Weisheit aus dem Himmel mitgebracht hat. Das gelingt nur, wenn kollegiale Wertschätzung erprobt wird, das Lernen voneinander, wenn gegenseitige Würdigung und Hochachtung herrscht.
Wer das einmal wirklich ausprobiert, wird das Wohlgefühl einer Bereicherung erleben, von dem der routinierte Pädagoge keine Ahnung hat! Wo geplante Pädagogik des Vorauswissens dessen, was einem Kind gut tut, Kräfte verzehrt, gibt die in diesem Sinn geübte kollegiale Wertschätzung die Erfahrung des Kräftezuwachses.
Doch es bedarf eines Mediums zwischen den beiden Würdenträgern. Die Polarität soll nicht nur zwischen den beiden irgendwie ausgeglichen, sie soll in das Leben, soll in die Biografie des werdenden Genossen hinein zu einer Steigerung führen. Du sollst wachsen, ich soll abnehmen! Das ist die geheime Parole des freien Umganges mit den Kindern. Nicht ich soll in dir meinen lebenslangen pädagogischen Abdruck hinterlassen. Sondern ich soll dir, vorangehend, den Weg bereiten. Eine johannäische Erziehung kann solches genannt werden.
Aus der Polarität soll ein Weg, aus diesem Parallelogramm der Kräfte soll eine Resultante entstehen. Ein Drittes ist die Folge der Begegnung, dann, wenn eben das Medium dazwischen gefunden wird. Das Medium, das sind Sachen von der Erde, die der kommende Mensch, gerade vom Himmel belehrt, wiedererkennt. Es gilt also vorangehend diesem neu Gekommenen ständig etwas hinzureichen, das irdisch ist, aber die Spuren des Himmels in sich trägt. So die echten Märchen. Was sind Märchen? Es sind von Weisen in die Entwicklung der Menschheit hineingeworfene Urbilder dessen, wie der himmlische Mensch mit der Erdenwelt umzugehen hat. Soll das Erzählen eines Märchens für das Kind eine solche Wirkung haben, fordert dies, dass der Erzähler dieses Märchen nicht nur kennt und auswendig weiss, sondern dass es für ihn in seiner geistigen Bedeutung selber Lebenssubstanz geworden ist.
Dem Genossen, dem Freund gegenüber muss man immer ehrlich sein. Erzählt man ein Märchen, weil man glaubt, es sei gut für das Kind, nicht aber Lebenselixier auch für uns selbst, so lügt man. Und da das Kind hellfühlend ist, ist der erste Schritt getan, es in seiner Seele in einen Zwiespalt zu bringen, einen solchen, der es zerstören würde, wenn es ihn nicht später aus eigener Kraft überwindet. Wohlmeinend Kinder mit Gutgemeintem innerlich zu spalten hat eine Tradition in der Menschheitsgeschichte, keine gute. Wir sollten uns hüten davor.
Also Sachen brauchen wir zwischen uns und dem Kind, Erdensachen, Ehrensachen, solche, die das Siegel der Erdenbearbeitung an sich tragen. Ihr Name ist Kultur. Das Kind will das, was es vom Himmel mitgebracht hat, verbinden mit der Erdenkultur. Es kennt diese Kultur aus früheren Leben. Es will spurenweise, um wieder hinein zu kommen, alte Kulturschritte wiederholen, um sich hier zurecht zu finden. Und es will Anleitung erhalten darin, wie man neue Sachen, Erdensachen, also Kultur zukünftig neu entwickelt und schafft.
So ist ein reiches Gebiet vorhanden zwischen dem erwachsenen Genossen und dem heranwachsenden, das im tätigen Vorangehen Medium ist, Vermittler. So gesehen ist Spiel die ernsthafte Arbeit des Kindes, aus der im Zusammenwirken die gemeinsame freie Arbeit an der Kultur entsteht.
Da liegt ein Stein, ein Wunder! Das Kind hebt ihn auf und zeigt es dem grossen Genossen. Der weiss, was das ist: in jedem Stein, so erkannte einmal ein Weiser und jedes Kind weiss es, ist die Mitte des Kosmos. Indem wir, Kleiner und Grosser, diesen einmaligen Stein zu schätzen wissen, schätzen wir einander.
Jedes Kind findet ständig Erdenschätze am Wegesrand. Wenn wir uns davon anregen lassen, wenn wir erlebend und erkennend entziffern, was das Kind daran erlebt, dann wird eine gemeinsame Werkstatt von Worten, Klängen, Farben, Substanzen, Prozessen und Produkten entstehen, in der wir gemeinsam das Reich der unendlichen frei gewählten Möglichkeiten erbaue.
So entwickelt sich in Gemeinsamkeit die Vorbereitung für das kommende Reich der Not-Wendigkeiten in der Zukunft dieser Kinder, wie ernst und verwirrend sie auch werden mag. Was uns in diese gemeinsame Zukunft trägt, ist genossenschaftliche Wertschätzung. Sie wird so zur tragenden Weltschätzung.
(*) Um den von aussen kommenden Anforderungen nach Qualität und deren Sicherung zu entsprechen, haben wir in unserem Kindergarten und Arbeitszusammenhang das methodisch durchdacht und weiter entwickelt, was wir seit Jahren bewusst tun: unsere Gesprächskultur, die sich an dem Urbild des durch zehn Jahre sich ziehende Lehr- und Lerngespräches von Schiller und Goethe orientiert, zu pflegen. Um dem Kind einen Namen zu geben, sagen wir Kollegiale Wert-Schätzung dazu, KWS. Erst allmählich wurde uns klar, dass wir ja mit den Kindern letztlich nicht anders verfahren: auch diese Kollegen schätzen wir und hoffentlich sie auch uns. Wer interessiert ist, kann gerne schriftliche Ausführungen darüber anfordern.