Eine Methode zur Anregung kultureller und sozialer Qualität
Vorbemerkung
Allerorten gibt es nun Evaluierungen, Qualitätssicherungen und Ähnliches. Was ist daraus abzulesen? Es ist zweierlei. Zum einen ist es das Gefühl, dass Qualität überall abnimmt und man mit Methoden dem abhelfen möchte, was zunächst berechtigt erscheinen mag. Zum anderen steckt dahinter der übergreifende Wille aus einem unsichtbaren Hintergrund, der das bewirken soll, was Rudolf Steiner Das allgemeine Denkverbot aus dem Westen nennt. Schon in dem bekannten Buch „1984“ von George Orwell ist dargestellt, wie man das allgemeine Denken gleichrichtet durch Sprachregelungen von oben. Immer mehr wird Sprache und Denken ergriffen von dem, was politisch korrekt genannt wird. Besonders zäh findet die Sprach- und Denkprägung statt auf dem Gebiet des Gleichmachens der Geschlechter, was mit gender mainstreaming bezeichnet wird. Es ist derselbe Geist, der Vertrauen gut, Kontrolle aber besser findet. Dem ist nur zu begegnen mit Aufmerksamkeit. Der Bibelspruch, klug wie die Schlangen und zugleich einfältig wie die Tauben zu sein, bezeichnet das kommende Übungsfeld. Da wir in unserer Gegend in Baden-Württemberg noch gewisse Freiräume haben, versuchen wir in unserem Kindergarten uns auf die uns gemässe Weise vorzubereiten. Auch im anthroposophischen Bereich gibt es gängige Methoden mit mehrjähriger Erfahrung. Mir will aber scheinen, einmal, dass sie nur zustande gekommen sind, weil ein äusserer Zwang besteht, dem man nun etwas „Anthroposophisches“ entgegensetzen will, was aber nicht sein kann, denn aus der Anthroposophie ist so etwas wir Sicherung sozialer und kultureller Qualität niemals abzuleiten. Zum anderen entsteht durch die Notwendigkeit, sich und die Arbeit ständig nach einem von aussen übernommenen Denkschema zu beobachten, eine Art Doppelgänger neben der eigentlichen sozialen und kulturellen Arbeit, eine bewusstseinsmässige Gespensterkuh neben der Kuh auf der grünen Wiese, die doch die Milch geben soll. Das führt durch die Jahre zu einer Bewusstseinspaltung in Gemeinschaften, die gewissen psychotischen Zuständen einzelner zu vergleichen ist, in denen eine zwangshafte und überwache Selbstbeobachtung vorliegt. Da mir durch meine Lebensarbeit das Verhältnis von Schiller und Goethe vertraut ist und Rudolf Steiner die Wesensart dieser Freundschaft als eine zutiefst von einander lernende beschrieben hat, ja sie als das Urbild der einander sich steigernden Individualitäten darstellt, sah ich eines Tages, dass wir ja in unserem Arbeits- und Freundesbereich seit vielen Jahren in diesem Sinne tätig sind. Daraus eine Methode abzuleiten, ist dann eine konsequente phänomenologische Aufgabe, die hier im Beginn dargestellt ist. In diesem Fall geht es nicht um die „ Sicherung“ kultureller und sozialer Qualität als Kontroll-Tätigkeit, die neben der eigentlichen Arbeit verläuft, sondern um deren eigentliche Quelle. Eine Quelle kann man sehr wohl durch eine Fassung sichern, deren Fluss allerdings niemals. So mögen die folgenden Zeilen anregen, im Sinne kluger moderner Schlangen und im besten Sinne spirituell einfältiger, das heisst wahrhaftiger Tauben methodische Wege zu finden, die dem zeitgemässen Bedürfnis nach geistiger Qualitätsbildung entsprechen, die aber die Entstehung eines, wenn auch noch so gut gemeinten, Bewusstseins-Doppelgängers vermeidet.
Die im Folgenden angedeutete Methode ist in ständiger Weiterentwicklung, bei der in jeder Konferenz und nach jedem Gespräch neue Schritte gefunden werden können, so letztlich die Nachbemerkung am Ende als Antwort auf die Frage eines beteiligten Freundes.
Am interessantesten, so scheint mir, ist die Anwendung dieses Verfahrens den Kindern im Kindergarten, auch schon den kleinsten, gegenüber, das nach unserer langjährigen Erfahrung immer ein gegenseitig lernendes zu sein vermag.
Kollegiale Wert-Schätzung (KWS)
Anstelle der heute üblichen Qualitätssicherungsverfahren praktizieren wir seit Jahren eine eigene Methode, der wir den Namen Kollegiale Wert-Schätzung (KWS) geben. Qualität im geistigen, sozialen, kulturellen Bereich kann nie eine allgemeine, objektiv festlegbare sein. Was die einen für einen guten Roman, eine gute Beziehung halten, gilt für andere vielleicht als schlecht. Geistige, kulturelle, soziale Verhältnisse sind immer solche, welche subjektiver Beurteilung unterliegen, es sei denn in totalitären oder dogmatischen Verhältnissen. So wird es in einer Demokratie keine allgemeingültige Norm für eine gute Pädagogik geben können. Unter diesen Verhältnissen Qualität, die verschieden beurteilt werden kann, sichern zu wollen, beruht auf einem Irrtum. Denn geistige Qualität lässt wohl erzeugen und steigern, nie aber sichern, was ein Festhalten bedeuteten würde.
Es liegt allerdings etwas Berechtigtes darin, kulturell Gutes fördern und Schlechtes vermeiden zu wollen. Doch was allein ist die Quelle guter oder weniger guter kultureller Leistungen, wozu auch Pädagogik gehört? Und wer allein kann diese fordern? Kulturelle und soziale Qualität liegt immer in der Entwicklung einzelner Persönlichkeiten, nicht aber in einer Institution. Die persönliche Entwicklung kann gefördert oder gehemmt werden durch Anteilnahme oder Ablehnung im sozialen Bereich, also durch solche von Kollegen. Und die Forderung danach kann berechtigt nur erhoben werden von Einzelnen, die sich selber dieser Forderung unterziehen.
Urbild Freundschaft Schiller-Goethe
So gehen wir aus von historisch bewährten Beispielen gegenseitiger Anteilnahme und Förderung. Ein historisches, belegtes und mustergültiges, wenn auch geistig hoch angesiedeltes Beispiel ist das Freundschaftsverhältnis von Schiller und Goethe (1795-1895). Es fand in Gesprächen und in einem Briefwechsel statt, der für den heutigen Sprachgebrauch eine Dokumentierung bedeuten würde. Die Methode, wenn man dieses Verhältnis so nennen darf, war das gegenseitige von einander Lernen, das auch durchaus freundschaftliche Kritik und Korrektur enthielt. Diese soziale Verhaltensweise, die man methodisch je nach den Gegebenheiten strukturieren kann, lässt sich überall da erüben, wo man im kulturellen und sozialen Zusammenwirken ein freundschaftliches gemeinsames Streben zum Ziele hat. Nennt man dieses Streben Kollegiale Wert-Schätzung, so kann diese auch fördernde Korrektur und hilfreiche Kritik enthalten.
Strukturelle Voraussetzungen sind zunächst die von den Einzelnen im Miteinander deutlich formulierten Aufgabenbereiche, wie auch die Umsetzungsbestrebungen, die jeder von seiner Warte aus zu beschreiben hat. In regelmässigen und unregelmässigen Gesprächen zu Zweien, zu mehreren und mit allen gemeinsam, kann der Austausch stattfinden, der regulierend, anregend, korrigierend zu einem von den Individuen ausgehenden Lern- und Entwicklungsprozess führt. Eine Dokumentation kann in Stichworten oder längeren Ausführungen den Prozess in Erinnerung rufen. Um den vielleicht allzu engen Kreis der solcherart miteinander Arbeitenden zu öffenen, können ein oder mehrere Aussenstehende, deren guter Wille zur Zusammenarbeit gewährleistet ist, dazu gebeten werden, um eine Spiegelung zu bewirken, zum Beispiel in der Form eines beratenden Freundeskreises Am Ende bestimmter Zeitabstände, so halb- oder ganzjährig, können interne Berichte von einem oder mehreren Kollegen verfasst werden.
Ein solches Verfahren setzt immer den Guten Willen von allen Beteiligten voraus. Ist ein solcher nicht (mehr) vorhanden, so fällt dieses soziale Verfahren, liesse sich aber durch kein anderes ersetzen, das nicht vom guten Willen ausgeht. Die Inhalte einer solchen Methode müssen intern und vertraulich sein, um ihren Wert nicht zu verlieren.
Ein derartiger gemeinsamer Weg schliesst ein, dass sowohl der geistige, soziale, kulturelle Inhalt wie auch die Methode mit den Beteiligten sich kontinuierlich weiterentwickeln. Der erweiterte Freundeskreis hätte die Aufgabe, zu beurteilen, ob die Arbeit stagniert, ihre Ziele erreicht, ob sie Neues zustande bringt. Zu diesem Zweck müsste dieser Kreis auch mit der Vollmacht, regulierend einzugreifen, versehen werden, bis dahin gehend, die Beendigung dieser Arbeit vorzuschlagen.
Modell Schweizer Eidgenossenschaft
Ausser dem modellhaften Freundschaftsverhältnis zwischen Schiller und Goethe können wir die durch lange Zeiten bewährte politische und soziale Gestalt der Schweizer Eidgenossenschaft zum Vorbild unserer Methode nehmen. Bei Schiller und Goethe ist es das Lernen voneinander im geistigen und kulturellen Bereich, im Eidgenössischen ist es die Entstehung und Umsetzung von Handlungsmotiven im Sozialen als Wille, welche Vorbild sein können. Hier ist es das Prinzip der Gleichheit aller im Kreis Versammelten, in welchem jeder als eine Persönlichkeit geachtet und gehört wird, welches nachzubilden ist. In diesem Prozess entsteht der Konsens, die Ein-Willigung aller.
Das bedeutet: jeder ist auf seine Weise zu einem Ergebnis gekommen. Damit daraus ein Beschluss entstehen kann, braucht es den gemeinsamen Willen. Dann aber, das ist das Besondere der historischen Schweizer Eidgenossenschaft, ist es Einer, der sich erhebt, um den Beschluss durchzuführen, gleichsam der Tell. Dieser Eine wird nicht durch die Mehrheit gewählt, sondern er ergreift die Führung aus dem Bewusstsein, dass er der hier dazu Berechtigte und Aufgerufene ist. Indem er nun führt, dient er der Genossenschaft aus freiem Willen und individualisiert deren gemeinsamen Willen. So entsteht eine immer wieder wechselnde Hierarchie und damit das Gegenteil der Mehrheitsdemokratie, welche mit jedem Beschluss eine Minderheit ausschaltet und damit auch deren Qualität als Beitrag zu dem Ganzen ausschliesst. (siehe Nachbemerkung)
Beide Modelle, das der in Freundschaft voneinander Lernenden und das der aus einem genossenschaftlichen Willen miteinander Handelnden sollen sich, so ist unser Streben, in dem verbinden, was wir Kollegiale Wert-Schätzung nennen.
Daraus auch im Umgang mit den Kindern Umgangsweisen zu finden, um von Fall zu Fall, ihrem Bewusstseins- und Reifezustand entsprechend, zu Lern- und Handlungsprozessen zu kommen, ist unser – immer unvollkommenes – Bemühen.
Nachbemerkung zu der Willensbildung im Sinne des eidgenössischen Modells
Zunächst klingt die Beschreibung nach einem idealen Zustand, der so nie erreicht werden kann. Es geht aber um Folgendes: Wenn man gleichsam als Spiel oder als künstlerische Übung versucht, in einer Angelegenheit, die nicht dringend erledigt werden muss, es herbeizuführen, dass in einer bestimmten Sache möglicherweise alle verschiedener Ansicht sind und man es probeweise dabei belässt. Man schaut sich in Geduld die Meinungen von allen an, empfindet den Unterschied, den Gegensatz, die Verwandtschaft des Vorgebrachten untereinander und sieht das Ganze als Komposition der Möglichkeiten, die im Miteinander erzeugt wurden, gleichsam als ein soziales Gemälde. Vermag man eine gewisse Freude, einen interessierten Genuss an diesem Gemälde zu empfinden, den Genuss der Gemeinsamkeit, die eine Breite der möglichen Ansichten in sich birgt, dann gewinnt man unter oder hinter der Sachfrage ein kostbares Gut, nämlich die Grundlage aller Genossenschaft. Sie beruht auf dem Geniessen des Gemeinsamen, dessen, dass man zusammen mehr ist als ein Einzelner. Übt man im individuell strebenden Bemühen, Sachfragen gründlich und umfassend zu klären, gleichzeitig das gemeinsame, warme Willenselement in die Empfindung zu heben, dann entwickelt sich allmählich etwas neues, Übergreifendes. Man kann es nennen ein gemeinsames Wahrnehmungsorgan für Wahrheit und Wirklichkeit, welches sich bildet aus der Bereitschaft, die Wahrheitsfindung der anderen in die eigene einzubeziehen. Man bildet zusammen ein Gruppenbewusstsein, das aber aus der klaren Überschau jedes Einzelnen besteht. Nur dass jeder das Bemühen der anderen in seinem eigenen Bemühen freundschaftlich darinnen hat. Man kann das wiederum als ein zu hochgestecktes ideales Ziel ansehen, welches nur selbstlos, also nie zu erreichen wäre. Aber man vergisst, dass sehr wohl der Egoismus dann darin enthalten ist, wenn man Geschmack an dem verbindenden gemeinsamen Wärme- und Willenselement bekommen kann. Nicht anstrengende Selbstlosigkeit kommt so zum Erreichen des „Idealzustandes“, sondern das Entwickeln des Genusses an dem gemeinsamen Wahrnehmungsorgan. Denn dieses befriedigt die in jedem Menschen liegende Sehnsucht, über sich hinauszuwachsen und die engen Grenzen des Selbstes zu erweitern. Der Tell ist dann der, der am besten imstande ist, das gemeinsam Entstandene als seinen persönlichen Willen zu ergreifen und den anderen zu dienen, dass er aus diesem führt.