Motto Wert-Schätzung
Die Leistungen eines Schmetterlings lassen sich nicht auf die gleiche Weise beurteilen und messen, wie die einer Biene oder einer Milchkuh. Von der Kuh weiß man, dass sie am Tag eine bestimmte Menge von Milch bringt. Von der Biene kann man, mit vielen anderen zusammen, eine schätzbare Menge von Nektar für möglich halten. Ein Schmetterling vermag, nach den Überlegungen der Chaostheorie, mit seiner potenziellen Energie an einem weit entfernten Ort sogar einen Wirbelsturm zu erzeugen.
Die Potenz eines Kindes ist dem eines solchen Schmetterlings zu vergleichen: Was es einmal in seinem späteren Leben als kulturellen Faktor hervorbringen wird, kann unermesslich sein und ist unvorhersehbar, wenn wir ihm in der Kindheit dazu die Möglichkeiten nicht versperren. Ein Kindergarten aber ist der Ort, der sich für solche Möglichkeiten – und zwar die für aller seiner Kinder – zu verantworten hat.
Ernst Allvar
Grundsätzliche Gedanken über kulturspezifische Evaluation auf der Grundlage der Erfahrungen in unsere Kindergarten Bienenkorb
Lässt sich Kultur bewerten? Und im bejahenden Fall, wie? Ein Kindergarten ist eine kulturelle Einrichtung, Bildung ist Kultur. Wie lässt sich ein Kindergarten bewerten, wie seine Bildungsbemühungen wertmäßig feststellen? Man muss sich klarmachen, dass die Bestrebungen, feste Werte, Kriterien, am besten Standards auf dem Gebiet von Bildung und Kultur zu erreichen, sich an dem zweck- und leistungsorientierten Selbstverständnis von Industrie und Wirtschaft orientieren. In der Wirtschaft, in der Industrie ist Qualitätssicherung, sind Normierungen und Standardisierungen berechtigt und notwendig, jedenfalls was die eigentlichen Produkte als tote Gegenstände betrifft. Standardisierte Resultate einer Erziehung, zumal der kleinen Kinder, zu fordern, ist möglich. Dies hätte aber auf Dauer die Auslöschung alles Menschlich-Individuellen zur Folge und somit auch der bei allen Menschen angelegten und von innen kommenden Entwicklungs- und Kulturfähigkeit, die ja im Einzelfalle noch völlig unbekannt ist. Das kann niemand, der Verantwortung für die Kinder fühlt, wirklich wollen. Also muss eine berechtige Bewertung als Qualitätssicherung einer kulturellen Einrichtung, wie es ein Kindergarten ist, etwas anderes als Standardisierung, d.h. messbare und garantierte Gleichförmigkeit der Qualitäten, im Sinne haben.
So muss unterschieden werden: a) Was sind auch in einem Kindergarten feste und notwendige Werte als Bedingungen der kulturellen Arbeit? Diese sind ihrer Natur nach prüfbar und ermöglichen die eigentliche Kulturarbeit. Als da sind: personelle, finanzielle, räumliche, zeitliche, rechtliche Voraussetzungen. Und b): Die eigentlichen „Inhalte“ der kulturellen und Bildungstätigkeit in einem Kindergarten. Sie können nicht als Messbarkeiten festgelegt werden, weil sie einer Möglichkeit unterliegen, die von außen oder auch von innen nicht ohne weiteres zu beeinflussen ist: kulturelle Fähigkeiten können versiegen. Auch der höchstqualifizierte Pädagoge, Wissenschaftler, Künstler kann Zeitphasen haben, in denen seine Fähigkeiten nachlassen, gar zeitweise oder endgültig aussetzen. Umgekehrt kann bei jedem Menschen ein Qualitätsschub einsetzen, der wiederum nicht voraussehbar, einforderbar oder berechenbar ist. In beiden Fällen sind Kontrollen und Überprüfungen nicht hilfreich, sondern am ehesten kollegiales Interesse und freundschaftlich sachliche Anregung.
In einem Kindergarten ist vor allem das zu bildende „Material“ gar kein solches. Die Individualitäten der Kinder sind unschätzbare Werte an sich, ganz unabhängig von unseren so oder so gearteten Beurteilungen ihrer Fähigkeiten und Anlagen. Die menschliche Kulturgeschichte zeigt unzählige Beispiele von biographischen Entwicklungen, die nicht selten sogar zu kulturellen Höchstleistungen im späteren Erwachsenenleben geführt haben, ohne dass in der Kindheit weder deutliche Anlagen dazu sichtbar waren, noch dass eine im heutigen Sinne spezifische Förderung stattgefunden hätte. Kindliche Individualitäten sind also kein Rohmaterial, welches durch sachgemäße, gar standardisierte Behandlung „veredelt“ werden kann. Sondern die Individualitäten der Kinder sind nicht erfassbare Werte, deren Qualität durch Pädagogik bekanntermaßen oft eher vermindert, eingeschränkt, gehemmt oder sogar traumatisiert wird. Das kann die Selbstbeobachtung des eigenen Lebens zeigen, und das ist die Erfahrung von Psychologen und Psychotherapeuten.
Der wahre Wert einer sach-, d. h. individualitätsgemäßen Pädagogik eines Kindergartens wäre also daran zu messen, was aus einem jeweiligen Kind im besten Falle werden könnte, wenn ihm die seinen Fähigkeiten wirklich entsprechende Erziehung und Bildung zugute kämen. Da die kindlichen Fähigkeiten aber immer individueller Art sind und da das Erkennen dieser Fähigkeiten individuelle menschliche Erfahrung und Reife der Erzieher voraussetzt, versagen hier alle Bemühungen, zu messen oder Standards vorzuschreiben. Solches anzustreben, würde nur negative Folgen haben, also gerade alle vorhandenen, keimhaften und sich im späteren Leben erst bewährenden Fähigkeiten zurückbilden, möglicherweise zerstören.
Der wahre Wert einer Erziehung und Bildung des kleinen Kindes wäre eigentlich erst zu beurteilen, wenn dieses Kind erwachsen wird, d.h. wenn es in der Mitte seines Lebens die durch Erziehung geförderten Keime und Anlagen in der biographischen Selbstentwicklung voll zu ergreifen imstande ist. Erst an den biographischen und dann auch zeitgeschichtlichen Handlungen und Entschlüssen in der Lebensmitte – und zwar auf allen Lebensgebieten – wäre abzulesen, welche Qualität die Erziehung im Alter des kleinen Kindes einst gehabt hat. Erst langwierige biographische Forschungen könnten hier die Nachweise erbringen.
Wenn wir uns dennoch weiterhin ernsthaft überlegen, was zu einer berechtigten Evaluierung oder Qualitätssicherung einer kulturellen Einrichtung wie der eines Kindergartens führen könnte, müssen die oben angestellten Überlegungen beachtet werden. Zur Hilfe kommt uns der Faktor der Evidenz. Aufgrund der Tatsache, dass wir als Menschen unbefangen im Leben Situationen, Gegebenheiten, Menschenbeziehungen wählen oder ablehnen, einfach weil sie in der Gesamtheit ihrer Erscheinungen zu uns sprechen, können wir die Evidenz, also die offenbare Augenscheinlichkeit als ein Qualitätskriterium auf dem Gebiete der Kultur, der Kunst, der Lebenserscheinungen, auch des erzieherischen Umganges mit kleinen Kindern betrachten.
Ein Kindergarten, in dem die Kinder fröhlich sind und sich offensichtlich wohl fühlen, in dem die Erwachsenen mit den Kindern und untereinander freundschaftlich, warmherzig und offen umgehen, zeigt die Evidenz einer Qualität, die erlebbar vorhanden, aber kaum messbar oder gar festzulegen ist. Denn rasch können Umstände eintreten, seelische Belastungen, der Einfluss von kritischen Beobachtern, von im Umlauf befindlichen Gerüchten oder übler Nachrede, von leidvollen Schicksalen, körperlichen Erkrankungen, von schwierigem Verhalten von Kindern, von Wettereinflüssen und so manchem mehr – und die eben wahrgenommene Qualität der guten menschlichen Stimmung im sozialen Bereich ist bedroht, ist vorbei, lässt sich oft auch durch Anstrengungen nicht wieder hervorrufen – und dies vielleicht für eine geraume Zeit, wie die Erfahrung zeigt.
Die Qualität eines jeden Kindergartens aber steht und fällt mit einem solchen Grundphänomen. Die Evidenz allein erweist hier die Qualität, und Eltern werden in erster Linie einen Kindergarten nicht nach einer Liste von Standardbeurteilungen wählen, sondern sie werden ausgehen von der für sie anschaulichen und fühlbaren Grundstimmung, also der Grundqualität der Erscheinung eines Kindergartens. Es sind also menschliche Empfindungen und Gefühle, die Qualitäten wahrnehmen und beurteilen, vor allem wenn es um menschliche Beziehungen und um kleine Kinder geht.
Ganz eindeutig gehört zu der Qualität eines Kindergartens der Inhalt des Gesamtkonzeptes oder Leitbildes. Qualität im kulturellen Bereich ist abhängig von einem Streben, von einem Hervorbringen. Was wird angestrebt, was sind die Ziele und die Ideale, woran knüpft die Erziehung kulturell an? Aber auch: Was ist Entwicklungsprodukt, wo wird Neues aus diesem Kulturansatz heraus entwickelt? Auch da gilt Evidenz: Was ist menschlich-kulturell überzeugend, anregend, vorbildlich und damit nachahmenswert für andere? Die Kinder sind keine Produkte der Erziehung, denn das hieße, sie prägen und verengen. Die Kinder sind lebendige Zeugen eines vorhandenen (oder nicht vorhandenen) kulturellen Prozesses und dessen Weiterentwicklung. Und sofern sie es sind, tragen sie in sich den Funken eigener kulturellen, und das ist immer auch schöpferischen, Fähigkeit.
Kultur, von Erwachsenen gepflegt und gefördert, in deren Kraftfeld Kinder heranwachsen, spielen, üben und lernen, umfasst die verschiedensten Gebiete menschlicher Fähigkeiten. Grundlegend ist die Sprache, die Sprachfähigkeit. Qualität des Umganges mit der Sprache als Ausdruck des Einzelnen – Kindern wie Erwachsenen – wie auch als Kommunikation, als Mittel des sozialen Umganges miteinander wird wiederum nicht messbar, aber sie wird erlebbar und anschaulich sein. Gleichermaßen wird die Beweglichkeit (Fein- und Grobmotorik sind damit als Bezeichnung dem vielfältigen Spiel des Kindes entfremdet) anzuschauen sein und zu dem Betrachter differenziert sprechen, der offenen Sinnes dabei ist. Bewegung des Kindes will sich selber schulen, das ist innerer Drang. Sind phantasievolle Gelegenheiten, Spielsituationen und -Geräte gegeben, welche die Kinder selber, einander nacheifernd, erproben können?
Bewegung und Sprache sind die entscheidenden Basisfähigkeiten, aus denen sich alle anderen Fähigkeiten herausentwickeln: Intelligenz im Wollen, Fühlen und im kindlich-ansatzweisen Vorstellen. Folgen wir Goethes Idee der Pädagogischen Provinz (in Wilhelm Meisters Wanderjahren), dann ist es die Musik, welche die Grundlage alles sinnvollen und pädagogischen Lehrens und Lernens darstellt. Wird auch die Phantasie entwickelt, die Welt sinnvoller innerer Bilder, die Märchenwelt, die auch die Weltmoral enthält, im Erzählen, im Spielen von dramatischen Szenen, im Malen produktiv nach außen sich abbildend?
Wer bewertet letztlich und im eigentlichen Sinne die Qualität eines Kindergartens? Es sind die Kinder in ihren tiefsten unbewussten Schichten selbst, vor denen wir uns zu verantworten haben. Entwickeln wir ein Leitbild unserer Pädagogik, dann hat die sich an den real vorhandenen, immer neu herankommenden Kindern zu messen. Kinder sind omnipotent. Regt die Pädagogik, die diesem Leitbild entspricht, die umfassende Fähigkeit jedes einzelnen Kindes an oder schränkt sie diese zu irgend einem außerhalb der Biographie des heranwachsenden Menschen liegenden Zwecke ein? Omnipotenz, das Gefühl der Fähigkeit, alles zu wagen und zu können, ist nicht nur eine subjektive Einbildung des Kindes im Spiel, sondern es ist ein reales Vermögen, das später als umfassende Innovationsfähigkeit auf allen Gebieten der Kultur, und gerade der Technik und Wirtschaft so dringend gefordert wird! Wie ist die Qualität eines die umfassende Innovationsfähigkeit des Kindes fördernden pädagogischen Leitbildes zu beurteilen?
So, wie die Evidenz eine Beurteilung der kulturellen Qualität darstellt, so auch deren Wahrscheinlichkeit und deren logische Schlüssigkeit. Wenn Mitarbeiter persönliche Gründe haben, von ihrer Ausbildung und ihrer Biographie her, aber auch weil das kulturelle und soziale Feld der Kindergartengemeinschaft einen forschenden, künstlerischen, arbeitsmäßigen Anreiz bildet, sich und ihre Arbeit interessant werden zu lassen und weiterzuentwickeln, wird die Wahrscheinlichkeit groß sein, dass auch für die nachahmenden Kinder Werte und Qualitäten entstehen. Somit wären solche Wahrscheinlichkeiten und ihre Bedingungen aufzuzeigen und anzuschauen. In solch einem Gedanken und daraus folgender Praxis liegt eine gedanklich und empfindungsmäßig nachvollziehbare Schlüssigkeit, auch wenn die damit verbundenen Umstände zu umfassend sind, um sie im quantitativen Sinne zu messen oder gar festzulegen.
Qualitätssicherung im Kindergarten und im künstlerischen Bereich darf nicht durch zu genaues Bestimmen gerade die Qualitäten lähmen, deren Zustandekommen bewirkt werden soll. Wer einem Maler, Komponisten, einem Dichter, einer Mutter, einem Vater ständig prüfend und beurteilend zuschaut, wird ihre Qualitäten schwerlich fördern, sie nur hindern können. Eine echte Evaluation auf kulturellem Gebiet kann nichts anderes sein wollen, als ein gemeinsames Selbst-Bewusstwerden der beteiligten Erwachsenen innerhalb des schöpferischen Arbeitsprozesses, der ständig in der Zeit verläuft. Die Wirkung einer solchen, aus der Arbeit selbst hervorgehenden Qualitätsvergewisserung darf nichts anderes bewirken, als Anregung und Befeuerung. Geht die Bewusstwerdung – zumal durch äußere Forderungen und von aussen kommenden Druck – zu weit, dann ist sie die Ursache gerade der Verminderung von Qualitäten, die zu fördern und zu „sichern“ wären. Man hätte im sozialen Organismus Verhältnisse hergestellt wie bei einem neurotischen, d. h. seelisch schwer gestörten Menschen, der vor lauter Vergewisserung seiner Handlungen nicht mehr zu freier und unbefangener Tätigkeit fähig ist.
Methodischer Ansatz kultureller und sozialer Qualitätsbeurteilung
In der mitteleuropäischen Kultur mit ihren christlichen Wurzeln muss es nicht verwundern, wenn man ein Wort aus dem Johannesevangelium als tauglich erachtet, Lebens- und Kulturqualitäten zu erüben und zu prüfen. „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“, sagt der Christus. Ohne auf den religiösen Hintergrund einzugehen, kann dieses Wort ein Maß des Qualitätsstrebens und der Qualitätsprüfung sein. Qualitäten wären also zu untersuchen
- auf den Weg zu ihnen, also auf das Streben, das Vorwärtsbewegen, das Sich-Bemühen in Bezug auf die vorgenommenen Ziele und angestrebten Ideale
- auf die innere Wahrheit dieser Ziele und Ideale, die sich im Prozess des „Gehens“ zu erweisen hat
- und auf das Leben, den Lebens- und Wirklichkeitsbezug hin, auf die Fruchtbarkeit des angestrebten Impulses.
Im Gleichgewicht zwischen Gehen-Streben (die im Aktionismus sich verlieren können), Wahrheit (die als Theorie und Dogma bis in Unwahrhaftigkeit, Unwahrheit und Unmenschlichkeit abstrahiert werden kann) und Leben (welches als bloße Routine, als Alltagstrott, als äußerlicher Pragmatismus erstarren kann) werden die möglichen Sackgassen und Einseitigkeiten ausgeglichen und in ein prozessuales Verhältnis gesetzt. Als Lebenserfahrung kann dies dem Gutwilligen evident sein, als Prinzip des kulturellen und soziales Prozesses und seiner Prüfung mit den Kindern zusammen wäre seine Fruchtbarkeit zu erproben. „Was fruchtbar ist, allein ist wahr“, das Goethe-Wort deutet in die gleiche Richtung. Hier liegen nicht quantitative Maße von Qualitäten vor, was ja ein innerer Widerspruch der ganzen Qualitätssicherung ist, sondern eine Gliederung für die gemeinsame Wahrnehmung der kulturellen, sozialen und erzieherischen Qualitäten, somit eine anregende Differenzierung der Qualitätsbeurteilung.
Zu fragen ist jeweils: Streben wir, bewegen wir uns aktiv, suchen wir die Wahrheit, lebt, was wir in Wahrhaftigkeit erstreben – als Kulturimpuls, zum Wohle der Kinder und ihrer Entwicklung.